Kultur # 37 (LSD = … )

 

Kultur # 37

LSD = 
Luxusartikel Sprengen Depression 
Lockenwickler Schmücken Dieter 
Leichenblasser Skispringer Dehydriert 
Leichtsinniger Schokoladenesser Desillusioniert 
Loyale Schwägerin Droht 
Lahmen Sale Durchforsten 
Lebenslange Schamhaftigkeit Definieren 
Loser Strahlt Dramatisch 
Lebensnotwendige Sorglosigkeit Demonstrieren 
Liebeshungrige Schülerin Dissen 
Leckere Schaumküsse Durchzählen 
Legale Süchte Drosseln  
Lawinen Schuften Definitiv

 

Alltag # 52 ( Sebastian und die Pfütze…)

Alltag # 52

Vor einer Minute hatte Sebastian an der Gegensprechanlage den Hörer abgenommen und die Stimme der Paketbotin gehört. Sie klang sanft und fröhlich beschwingt. Er hatte auf den Knopf gedrückt und das Summen des Türöffners gehört. Doch die Tür ging nicht auf. Auch bei wiederholtem Drücken nicht. Sebastian lief die Treppen hinunter und war wütend auf sich. Er hatte die Wohnung mit Hausschuhen verlassen. Er war immer wütend auf sich, wenn er es nicht geschafft hatte, zwei unterschiedliche Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen. Er konnte es nicht ausstehen, wenn er jemanden zumuten musste, auf ihn zu warten. Er wollte sich aber auch seine Sneaker anziehen, was Zeit in Anspruch genommen hätte. An jedem anderen Tag genoß Sebastian es, die vier Stockwerke rauf und runter zu laufen. Für ihn war das ein Konditionstraining, das ihm gut tat. Aber heute kam keine Freude an seinem Treppentraining auf. Denn schon als er am Morgen zum Bäcker gegangen war, hatte er die Pfütze gesehen und vor allem gerochen. Im Moment roch es noch nach Fett. Nach ranzigem abgestandenem Frittierfett aus der Wohnung im ersten Stock, aber gleich wird seine Nase den anderen Geruch wahrnehmen. Und da war er auch schon, der Uringeruch. Sebastian erreichte das Erdgeschoß, bog um die Ecke und sah sie wieder, die gelbe Lache, die sich direkt vor der Haustür ausbreitete. Sebastian konnte nur Vermutungen anstellen warum sie genau da gelandet war. Er dachte, dass entweder irgendein Mieter mit dieser Aktion der Menschheit etwas heimzahlen wollte, oder dass jemand nachts nicht aufstehen wollte, um mit dem Hund Gassi zu gehen. Nichts davon konnte er überprüfen. Und die Mieter vom Haus, die er kannte, wussten auch nicht, von wem die Pfützen stammen. Man wusste nur, dass man sie zwei bis dreimal im Monat zu ertragen hatte. Obwohl die Hausverwaltung diesbezüglich schon mehrere Schreiben erhalten hatte, unternahm sie nichts. Und da auch diese Lache wieder niemand wegwischen wird, wird sie ganz langsam im Laufe der nächsten Tage austrocknen, bis nur noch die weißen Ränder an sie erinnern. Und die verschwanden erst dann, wenn die wöchentliche Hausreinigung kam. Sebastian stöhnte. Die heutige Lache kam ihm noch weitläufiger vor als frühere. Die Gummisohlen seiner Sneaker hätte er abwaschen können, doch die Sohlen seiner Hausschuhe bestanden nur aus einer dünnen Filzschicht, die jederzeit bereit war jegliche Art von Flüssigkeit aufzusaugen. Sebastian näherte sich der Haustür auf Zehenspitzen. Er wollte der Lache wenig Gelegenheiten für Berührungen bieten. Hinter der Glasscheibe, die in die Haustür eingelassen war, sah er die Konturen der Paketbotin. Er biß die Zähne zusammen, stieg so gut es ging über die Pfütze, drückte die Klinke nach unten und verlor die Balance.

 

Du # 19 (Leicht verdientes Geld…)

Du # 19

»Als mir gekündigt wurde und ich noch keinen neuen Job an der Hand hatte, dachte ich kurz daran, meine Mutter zu fragen, ob sie mir für die Überbrückungszeit nicht mit etwas Geld aushelfen könnte. Aber kurz vor dem Telefonat fiel mir wieder ein, dass ich sie vor zwei Jahren danach gefragt hatte, ob man die Wohnung, die ich später sowieso einmal erben sollte und die leer stand, nicht doch jetzt schon vermieten könnte, und wie meine Mutter dann nur gesagt hatte: „Das hättest du wohl gerne! So ein leicht verdientes Geld.“«

 

Alltag # 53 (Marie und die Socken ..)

Alltag # 53

Marie greift mit der Hand an ihre Füße. Beide sind kalt. So kalt wie Gemüse aus dem Kühlschrank. Marie sorgt sich wegen ihrer kalten Füße und denkt an Socken. Sie liegen im Schrank. Fein säuberlich zusammengefaltet in einem Karton. Nach der Aufräummethode von Marie Kondo. Marie weiß, dass Strümpfe die Kälte aus ihren Füssen vertreiben können. Sobald sie in Stoff eingepackt sind, können die Füße die Wärme wieder für sich behalten und müssen sie nicht weiter an die Umgebung abgeben. So einfach ist das, denkt Marie, und ruft nach ihren Socken. Genau genommen nach den dunkelblau melierten. Sie ist sich sicher, die Socken hören sie, auch wenn die Schranktür zu ist. Marie hat ihre Lautstärke angepasst. Die Socken rühren sich jedoch nicht. Sie drücken die Schranktür nicht auf. Und Marie tut das auch nicht. Im Moment will keiner auf sein passives Dasein verzichten.