Kultur # 69 (AKW = …)

 

Kultur # 69

AKW = 
Abschreckende Kalorientabellen Wegpacken
Aktuelle Kränkungen Wiedergeben
Abscheulichen Kaffee Würdigen
Akut Kekse Wollen
Alleingelassener Knut Winkt
Annas Kunst Wegwerfen
Abgelaufenes Kaninchenfleisch Wartet
Abergläubisch Kondome Weglegen
Angetrunkenen Kellner Wecken
Arbeit Kann Wehtun
Abhängigkeiten Klug Wittern
Allmählich Kaugummis Weiterentwickeln
Absichtlich Kältetod Widerstehen
Aberwitzigem Kraftfahrzeughalter Weiterhelfen
Abgöttisch Karin Wärmen
Abgefuckte Käfersammlung Wertschätzen
Abhörsichere Kammer Wünschen
Abgelegter Klaus Winselt
Abtörnende Küsse Wegwischen
Abtrünnige Katze Würgen
Angepasste Kontern Wenig
Abstruse Kopfgeburten Wetteifern
Angeschwemmte Krake Weint
Alter Kalender Welkt

 

 

Alltag # 108 ( Marie will kugeln…)

Alltag # 108

Marie bedauert, dass sie sich gleich mit ihren Beinen vorwärts bewegen muss. Sie sitzt bei Anna auf dem Sofa und will zu Marcel hinüber. Aber sie möchte nicht die Muskeln anspannen, sich hochdrücken, gerade hinstellen und diszipliniert zu ihm hinüber gehen. Mit ihrem Glas in der Hand, das schon wieder leer ist. Sie möchte sich jetzt rund machen und vom Sofa kugeln. Sich kugelnd vorwärts bewegen. Die Vorstellung muntert sie auf. Sie könnte sich einfach von Anna wegkugeln, hinüber zu Marcel. Bei ihm ist die Weinflasche. Er gießt sich auch gerade selbst welchen ein. Und die Tüte Chips ist auch bei ihm. Und später, in ein oder zwei Stunden könnte sie Annas Wohnung auch einmal anders verlassen als gehend. Sie könnte nach Hause kugeln. Die Treppe hinunter, den Bürgersteig entlang, in die U-Bahn hinein und wieder hinaus und morgen auch gleich noch zur Arbeit. Und auf dem Weg zur Arbeit gäbe es plötzlich auch noch andere Mitkugler. Über Nacht wäre bei vielen das Bedürfnis entstanden, das nun nicht mehr zurückzuhalten ist. Auch die Tagesschau würde davon berichten müssen. Marie überlegt, ob sie das mit dem Kugeln Anna und Marcel vorschlagen soll. Entscheidet aber, dass es besser ist, es ihnen vorzumachen. Marie rollt sich ein. Gleich wird sie vom Sofa kugeln. Es muss einfach einmal etwas unterbrochen werden. Alltag. Normen. Routinen. Trivialitäten. Befangenheiten. Marie hat genug davon.

 

Alltag # 109 ( Sebastian will Väterliches…)

Alltag # 109

Begegnet Sebastian einem sympathischen Mann, überkommt ihn das Bedürfnis, ihn zu fragen, ob er für einige Stunden sein Vater sein will. Auch als erwachsener Mann möchte Sebastian jemanden in seiner Nähe haben, der stundenlang Väterliches an ihn hinverströmt. Jemand, der ihm ungefragt ausgiebig Zustimmung und Wärme spendet. Das wünscht er sich mehr als ein aktives Sexleben, einen hohen Kontostand, dichtere Haare oder einen Urlaub an der Algarve.

 

Alltag # 110 ( Orangen ansehen… dann verspeisen.)

Alltag # 110

Marie greift in die Einkaufstasche aus Papier. Sie war im Supermarkt und hat schon fast alle Lebensmittel im Vorratsschrank verstaut. Auf dem Boden der Papiertasche liegt nur noch das Netz mit den Orangen. Zwei Kilo. Marie hat die Zitrusfrüchte für ihre Augen gekauft. Maries Augen sind in Not. Seit Tagen schon. Mehr als es ihren Mund nach einem frischen Aroma verlangt, verlangt es ihre Augen nach Farben. Das Grau des Himmels, das der Jahreszeit geschuldet ist, unterbricht sich nicht mehr. Es bleibt einfach weiterhin beständig grau. Genauso grau wie die Resopaloberfläche ihres Küchentisches. Auch sie behält ihre Farbe beständig bei. Tag für Tag und Woche für Woche. Marie verdrängt den Gedanken an das graue Resopal, das sie im Winter so deprimierend und düster findet und legt das Netz mit den Orangen auf die Arbeitsfläche. Zumindest jetzt hat sie etwas in ihrer Nähe, das von der Sonne angestrahlt worden ist. Stundenlang. Tagelang. Wochenlang. Die Sonnenstrahlen haben dazu beigetragen, dass diese schöne Farbe entstanden ist. Marie wirft einen Blick durch das Netz und ist von der Leuchtkraft beeindruckt. Angestrahlt zu werden tut einfach gut, man kann es den Orangen ansehen. Marie steckt die Zeigefinger und die Daumen in das engmaschige Netz und zerrt die Verpackung auseinander. Die rot gefärbten Plastikfasern schneiden ihr tief ins Fleisch, zerreißen lassen sie sich von Maries Kraft aber nicht. Marie gibt auf und holt eine Schere. Sie schneidet das Netz ein Stück weit auf und zwängt die erste Orange durch den Schlitz. Das kommt ihr jetzt wie ein Geburtsvorgang vor und sie sich wie eine Hebamme. Sie holt die anderen auch noch heraus und legt sie in eine himmelblaue Keramikschale. Marie trägt die Keramikschale zum Küchentisch und setzt sich zu ihnen. Dass die Früchte so kugelrund sind, berührt sie. Sie sehen aus wie kleine Sonnen. Klitzekleine Minisonnen, die nicht größer werden können. Nie so groß, dass sie eine Erde mit Wärme versorgen können. Aber Marie können sie versorgen. Ihre Augen atmen auf. Ihre Seele auch. Marie hat vor, die Orangen erst einmal nur anzuschauen. Ein paar Tage lang und jeden Tag mehrmals. Zu sehen, dass etwas eine so schön Ausstrahlung haben kann, während es nur passiv daliegt, wird ihr gut tun. Für ein paar Minuten wird sich das Leben leichter anfühlen. Aber für die Orangen wird noch eine andere Zeit kommen. Der Aufenthalt in der Keramikschale wird für sie nur ein Übergang, ein Zwischenstopp sein. Denn in ein paar Tagen wird es Marie nach dem frischen Aroma verlangen. Und auch wenn die Orangen das nicht gebucht haben, wird ihre Reise in Maries Mund enden. Dort werden die Minisonnen untergehen. In ein paar Tagen wird sich Maries Mund öffnen, werden ihre Zähne zubeißen und ihre Zunge alles nach hinten schieben, die Speiseröhre hinunter drücken. Genau so wird es ablaufen. Die Orangen werden im Dunklen enden müssen. Dort wird es noch dunkler sein als in der grauen Jahreszeit. Das wird Marie ihnen nicht ersparen können.

 

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