Wünsche # 2 (Chloe…)

Wünsche # 2

Chloé schlüpft aus ihrem Mantel, setzt sich zu uns und sagt: »Das tut mir so leid, ich habe wirklich vorgehabt, euch alleine zu lassen. Und jetzt komme ich einfach hier her, und das, obwohl Pierre mit dir allein essen gehen wollte.« Eine Bedienung legt uns einen Packen Speisekarten auf den Tisch. Chloé sagt: »Ich kann es immer noch nicht fassen!« Pierre und ich ziehen uns eine Speisekarte vom Stapel und blättern sie durch. Chloé greift nach der letzten und lässt sie ungeöffnet vor sich liegen. Ich gehe die vegetarischen Gerichte durch und frage Chloé, ob es sein könne, dass sie sich im Datum geirrt habe, vielleicht hätte das Theaterstück gar nicht heute Abend stattgefunden, sondern an einem anderen Tag? Chloé schiebt ihre Armreifen zurück und sagt, das könne nicht sein, denn das Datum stehe auf der Karte, und die Karte habe sie seit einer Woche. Ich merke mir die Nummer hunderteins und klappe die Speisekarte zu. Pierre sagt, dass er uns auf ein paar Vorspeisen einladen wolle und fragt nach, ob wir damit einverstanden seien. Ich nicke. Chloé geht über die Frage hinweg und sagt. »Ich bin zwar ins Gebäude reingekommen, dann aber nicht in den Saal. Die Tür war einfach zu. Was für eine Unverschämtheit! Seit Tagen habe ich mich auf das Stück gefreut.« Pierre meint, Chloé sei eine halbe Stunde zu spät dran gewesen. Chloé kaut am Ringfingernagel. Ja, meint Chloé, nur eine halbe Stunde. Und dass ihr das noch nie passiert sei, obwohl sie oft zu spät komme. Aber bisher seien die Türen immer offen gewesen. Noch nie sei es dazu gekommen, dass sie wieder hätte gehen müssen. Eine Bedienung stellt uns eine mit Leitungswasser gefüllte Karaffe auf den Tisch und ineinander gestapelte Gläser. Pierre verteilt die Gläser. Chloé legt ihre Hände auf den verklebt wirkenden Kunstledereinband der Speisekarte und meint, sie habe im Theater sogar etwas gestohlen, so wütend sei sie gewesen. Und jetzt denke sie, was sie da bloß getan habe. Sie hätte in ihrem ganzen Leben noch nie etwas geklaut. Wirklich noch nie. Ich frage nach, was sie denn gestohlen habe. »Eine Flasche Wasser mit Birnen-Rosmaringeschmack«, sagt Chloé. Im Vorraum des Theaters habe es so ein kleines Häuschen gegeben, so eines mit einer Glasscheibe vorne, so wie man das vom Kino her kenne. Und sie sei zu dem Häuschen gegangen um herauszufinden, was los sei, warum sie nicht eingelassen werden würde. Und da habe sie bemerkt, dass die Tür, die sich seitlich von diesem Häuschen befand, offen gewesen sei. Sie hätte den Stuhl gesehen, die Jacke, die über dem Stuhl hing, und eine Tasche, die auf dem Boden stand. Die Tasche sei offen gewesen und aus der Tasche blitzte eine Glasflasche, und die habe sie sich genommen. »Ich habe in die Tasche gegriffen und der Person, die dort arbeitet, das Wasser gestohlen! Und jetzt hat diese Person nichts mehr zu trinken.« Chloé zieht die Flasche aus ihrer Tasche, zeigt sie uns und bietet an, unsere Gläser mit dem geklauten Wasser aufzufüllen. Wir nicken.

Kultur # 4 (Manifesta palermo…)

Kultur # 4

Es war während der Manifesta in Palermo. Ich ging zu einer Eröffnung in einem alten heruntergekommen Palazzo. Das leere Erdgeschoss wurde für die Zeit der Manifesta in eine Galerie umfunktioniert. Ich war schon etwa eine Stunde da, als mir von dem Galeristen ein Mann vorgestellt wurde. Seinen Namen habe ich vergessen. Da ich den Kontakt bei WhatsApp nicht gelöscht habe, ließe sich darüber sein Namen noch in Erfahrung bringen. Aber inzwischen will ich noch nicht einmal mehr wissen, wie der Mann heißt. Ich habe das Interesse verloren. Damals war das aber anders. Er, dessen Name ich nicht einmal mehr nachschlagen will, war mir gleich von Anfang an sympathisch. Er hatte große abstehende Ohren, wuschelige lockige Haare und eine schnelle Auffassungsgabe. Als er von dem Galeristen erfuhr, dass ich Künstlerin bin, schlug er vor, sich gleich morgen Abend wieder zu treffen, es gäbe eine Eröffnung im Botanischen Garten. Man benötige zwar eine Einladung, aber das würde er für mich schon irgendwie arrangieren. Die Eröffnung hörte sich nach einem wichtigen Ereignis an. Sein Engagement freute mich. Also willigte ich ein. Am gleichen Abend schickte er mir noch mehrere WhatsApp-Nachrichten und teilte mir immer mit, wo er gerade war, falls ich zusammen mit dem Galeristen noch nachkommen wolle. Trotz einiger Versuche, gab es an dem Abend kein weiteres Treffen mehr.
Am nächsten Tag schickte er mir gegen Abend erneut einige WhatsApp-Nachrichten, um mir mitzuteilen, wie ich mich am Eingang verhalten solle, um sichergehen zu können, dass ich auch eingelassen werden würde. Ich fand das sehr zuvorkommend und machte mich auf den Weg zum Botanischen Garten. Wir begrüßten uns herzlich und hatten schon einen vertrauten Umgangston miteinander. Er fragte nach, ob er mich mal in Berlin in meinem Atelier besuchen könne, denn er würde sich sehr für Kunst interessieren. Ich stimmte zu. Er freute sich und sagte, er sei Arzt, er untersuche auf Lampedusa Flüchtlinge, wolle aber endlich mal damit beginnen, Kunst zu machen. Er habe für den Herbst einen Kurs für Buchgestaltung belegt und freue sich schon sehr darauf. Vielleicht sei das ja der richtige Einstieg für ihn. Als ich ihm nach unserem Treffen im Botanischen Garten, noch ein paar WhatsApp-Nachrichten zukommen ließ und ihm zu verstehen gab, dass ich ihn gerne interviewen möchte, wegen seiner Arbeit mit den Flüchtlingen auf Lampedusa, meldete er sich nicht mehr zurück.