Kultur # 32 ( LKW = … )

 

Kultur # 32

LKW = 
Leckerem Kuchenstück Winken 
Langlebige Kaninchen Wegwerfen 
Lustgetriebenes Kopfkino Werbefrei 
Lästige Krampfadern Wegwünschen 
Leichenblasser Kummerspeck Willkommen 
Langweilige Kindergeburtstage Wiederholen  
Linksalternativen Klugscheißer Wegscheuchen  
Lebenswichtiger Kuschelkurs Wertlos  
Lavendelfarbenen Kitsch Würgen 
Lästigen Kreislaufzusammenbruch Wegstecken 
Lodernde Kindheitsträume Wiederentdecken 
Luxuriöses Katerfrühstück Wittern 
Lukrativen Kirchenschmuck Wegtragen 

 

Kultur # 33 ( Zeitung Busse reparieren.. )

 

Kultur # 33

Aus der Zeitung erfahre ich, dass die Werkstätten für öffentliche Busse ihre Arbeitsweise umstellen: Bisher hatte man die Busse erst dann repariert, wenn etwas kaputt gegangen war. Nun aber soll mit dem Reparieren schon begonnen werden, noch bevor etwas nicht mehr funktioniert. Das Prinzip, etwas ständig aufrechtzuerhalten, damit es erst gar nicht zusammenbricht, wurde zuerst für die Raumfahrtechnik entwickelt.

 

Alltag # 48 ( Regen Regenschirme Frühstücken…)

Alltag # 48

Es ist Vormittag neun Uhr und es regnet. Marie geht in die Küche, öffnet die Kühlschranktür und erkundet die Situation auf den Ablageflächen. Eine gähnende Leere schlägt ihr entgegen. Das Glas Bärlauchpesto und die halb volle Tube Tomatenmark spenden ihr keinen Trost. Marie wirft die Kühlschranktür zu, geht zur Spüle, öffnet die darunter liegende Schiebetür und greift nach der Einkaufstasche. Ein Stoffbeutel, der zusammengeknüllt in einem Eimer liegt. Zusammen mit ihm verlässt sie das Zimmer und erinnert sich daran, dass es ja regnet. Marie blickt zum Wandschrank am Ende des Flurs. Im untersten Fach liegen drei Regenschirme. Zwei davon sind kaputt. Bei einem ist der wasserabweisende Stoff an zwei Stellen nicht mehr mit den Enden der Speichen verbunden. Irgendetwas ist dort total schief gegangen und seitdem schiebt sich der Bezug nach oben. Fast bis zur Mitte. Beim zweiten Schirm sind während eines Unwetters ein paar Metallstreben nach oben geknickt. Nun lässt er sich nicht mehr automatisch öffnen, geschweige denn schließen. Und außerdem bietet er so nur noch Schutz für eine Körperhälfte. Entweder schützt er die linke Schulter oder die rechte, je nachdem wie man ihn in der Hand hält. Aber solange er noch einen Teil von Maries Körper trocken halten kann, will sie ihn nicht wegwerfen. Auch hat sie vor, beide wieder auf Vordermann zu bringen. Dass das möglich ist, hat sie schon im Internet herausgefunden. Und der dritte Schirm hat einen gräßlichen Bezugsstoff, ist aber ansonsten kerngesund. Bei ihm weiß Marie nur nicht, warum er in ihrer Wohnung ist. Ihr fehlt jegliche Erinnerung daran, wie er hier gelandet ist. Sein Anblick schmerzt Marie jedesmal aufs Neue. Es fehlen hauptsächlich Frühstücksdinge, denkt Marie: Haferflocken, Obst, Brot, Butter, Joghurt, Milch. Marie stellt sich vor, den hässlichen Schirm im Wandschrank zu lassen und nichts zu frühstücken oder in ein paar Minuten Kaffee ohne Milch zu trinken und Marmelade aus der Hand zu schlecken, wie ein Hund. Maries Stimmungsbarometer klettert nicht einmal fünf Prozent nach oben. Marie zieht das Telefon aus der Hosentasche. Laut App regnet es gerade zu hundert Prozent und das soll auch die nächsten Stunden noch so bleiben. Marie geht an ihren Halbschuhen vorbei Richtung Küchenfenster. Sie will überprüfen, ob die Vorhersage auch mit dem übereinstimmt, wie das Wetter tatsächlich ist. Marie wirft einen Blick in den Hinterhof. Die Regentropfen hämmern so stark gegen die Glasscheiben, als wollten sie lauthals um Einlass bitten. Marie lässt sie draußen, setzt sich an den Küchentisch, hängt den Einkaufsbeutel über die Stuhllehne und erinnert sich an die Zeit, in der ihr Verhältnis zum herunterfallenden Wasser noch anders war. Als Jugendliche fuhr sie ab und zu mit dem Fahrrad zur Schule und manchmal wurde sie dabei vom Regen überrascht. Das hat ihr jedesmal und ausnahmslos gefallen. Sie liebte es, wenn der Regen ihre Kleidung schwer machte. Durch den Regen nahmen ihre Hose, ihre Bluse, ihr T-Shirt, ihre Socken an Gewicht zu. Der Stoff verlor den Abstand zu ihrem Körper, den er sonst fast akribisch genau einhielt. Doch nun pressten sich die Kleidungsstücke an ihre Haut, wurden zudringlich, ja sogar aufdringlich. Das war für Marie eine willkommene Abwechslung vom restlichen, so streng regulierten, Alltag. Das war ein »thrill«. Ein Ereignis. Bedauerte sie jemand, dass sie mehrere Kilometer durch den Regen hatte fahren müssen, zuckte sie nur mit den Schultern.
Aber dann kam das mit Tschernobyl und seitdem hat Marie immer Schirme im Haus. Immer gleich mehrere. Auch Marie hat die Regeln, die damals erlassen wurden befolgt. Auch sie hat es vermieden, bei Regen das Haus zu verlassen. Dass man damals im Radio den Regen so schlecht machte, hinterließ bei Marie Spuren. Dabei war es gar nicht die Schuld des Regens. Dennoch ist ihre Freude am Klatschnaßwerden nicht wieder zurückgekommen. Marie spielt mit dem Gedanken, sich ein paar Lebensmittel ins Haus liefern zu lassen. Das hat sie noch nicht probiert. Vielleicht ist für so eine Aktion, jetzt genau der richtige Zeitpunkt, denkt Marie.

 

Du # 16 (Brauche Fett, Sahne, Sahne, Sahne

Du # 16

Jeden Tag brauche ich eine Portion Fett. Das bilde ich mir zumindest ein. Egal was die Wissenschaft sagt. Ich brauche es, um denken zu können. Mein Gehirn kann nicht ohne. Butter darf ich nicht pur essen, davon wird mir schlecht. Butter geht gut im Zusammenhang mit Brot. Belegte Brötchen sind schneller zubereitet, als sich etwas zu essen zu kochen. Aber ich esse sie nicht so gerne, wenn ich sie selbst belegen muss. Denn das fordert Entscheidungskraft. Welche Sorte Käse, welche Sorte Wurst, im Stück oder schon aufgeschnitten, und darf der Käse oder die Wurst auch teuer sein, und wieviel Gramm kann ich davon essen, bis mir wieder nach einer Abwechslung zumute ist. Und dann zu Hause alles verstauen und aufpassen, dass nichts davon das Ablaufdatum überschreitet. Und in der Früh, wenn ich den Hunger stillen will, bevor ich ins Büro muss, den Käse und die Wurst auswickeln, Butter auspacken, Brot schneiden, Brösel wegwischen, Geschirr einsauen und solche Dinge. Das ist doch ein höllischer Aufwand.
Wer in einer Großstadt lebt, so wie ich, kann es einfacher haben. Es gibt so viele Läden, die belegte Brötchen anbieten, so dass einem das ganze Prozedere der Eigenherstellung erspart bleibt. Öl habe ich auch zu Hause stehen, komme aber trotzdem selten zum Kochen und es einfach so zu schlucken, gelingt mir nicht jeden Tag. Aber Sahne geht immer! Für mich passt Sahne zu absolut allem. Für andere sind es womöglich Austern oder Kresseblüten, die kleine Verzückungen auslösen. Bei mir ist es Sahne, Sahne, Sahne. Am liebsten das kalte dickere Fett, das sich oben in der Flaschenöffnung unter dem Verschluss anstaut. Mit großer Vorliebe ziehe ich diesen Fettklumpen mit dem Finger aus dem Flaschenhals, schiebe ihn mir in den Mund und lasse den Batzen bis in meine Hirnzellen hinein zergehen. Eine rahmige fette Freude und meine Gedanken laufen wieder wie geschmiert.