Kultur # 14 (Melanie lädt ein…)

 

Kultur # 14

Melanie hatte zum Abendessen eingeladen. Der Termin stand bei Sebastian schon seit drei Wochen im Kalender. Melanie veranstaltete so ein großes Essen nur einmal im Jahr und das war immer ein Ereignis. Der Empfang war auf der Terrasse. Seit zehn Minuten leerte es sich dort mehr und mehr. Sebastian gehörte mit zu den letzten Gästen, die ins Innere zurückkehrten. Vor der Türschwelle streifte er seine Schuhe ab. Das tat er auch, wenn kein Fußabstreifer auf dem Boden lag, so wie hier. Das war eine alte Gewohnheit, die ihm seine Mutter eingebläut hatte. Sie hatte immer Angst, dass sich kleine Steinchen in seine Schuhsohle eingetreten haben, die dann ihren Parkettboden zerkratzen würden. Sebastian hatte sich auf der Terrasse mit Gerald, Melanies Mann, anscheinend verplaudert, denn erst jetzt wurde ihm klar, dass fast alle Stühle schon besetzt waren. Auch die beiden Plätze neben Jackie. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich neben sie zu setzen. Neben Johannes war auch kein Platz mehr frei. Sebastian sagte sich, dass es gut sei, auch einmal wieder neuen Menschen zu begegnen, denn viele von den Gästen kannte er noch nicht. Er setzte sich auf gut Glück neben Frau Möller. Sie war eine Kunstsammlerin, die er nur vom Hörensagen her kannte. Auf jedem Teller lag eine Kopie. Sebastian nahm das Blatt in die Hand und informierte sich über das bevorstehende Fünf-Gänge-Menü. Zu jedem Gericht gab es eine Alternative für Vegetarier und eine für Veganer. Erster Gang: “Radicchio-Birnen-Walnusssalat” oder “Blanchierter Spinat mit Buratta” oder “Gebackene Weißwurst mit lauwarmen Pastinakenpüree”. Sebastians Speicheldrüsen bekamen einen Boost. Weiterlesen konnte er jedoch nicht, denn Frau Möller verwickelte ihn bereits in ein Gespräch. Nachdem Sebastian ihr eine Minute lang zugehört hatte, war er sich schon sicher, dass er sich mit ihr nicht den ganzen Abend über unterhalten möchte. Nach zwei Minuten stellte er fest, dass Frau Möller das ganz egal war, ob er mit ihr reden wollte oder nicht. Nach drei Minuten hatte Sebastian vor, sich demonstrativ an seinen links von ihm sitzenden Tischnachbarn zu wenden. Nach sieben Minuten war ihm das immer noch nicht gelungen. Nach acht Minuten versuchte er es mit Weghören. Frau Möller bemerkte das und stellte ihm eine Fangfrage. Sebastian entschuldigte sich, wegen seiner kurzen Abwesenheit. Frau Möller klopfte ihm auf den Oberschenkel, lachte ihn an, und redete weiter. Sebastian wunderte sich, dass es ihr so gefallen hatte, ihn auf frischer Tat ertappt zu haben. Frau Möller wollte mit ihm anstoßen. Sebastian füllte sein Glas und gehorchte. Frau Möller ist wohl irgendwie magnetisch aufgeladen, dachte sich Sebastian. In ihrem Körper muss es Magnete geben, deren Anziehung ich nicht entkommen kann. Frau Möller sagte: »Wissen Sie, ich bin durch und durch frei. Ich tue immer nur das, was ich will.« In Sebastians Hals schoß Wut. Sie fühlte sich dunkel an. Er versuchte sie zu bändigen. Nach elf Minuten waren seine Gedanken immer noch durch und durch lautlos. Nur war es jetzt auch nicht mehr ratsam sie auszusprechen, es lag nichts freundliches oder aufgeschloßenes mehr in ihnen. Nach zwölf Minuten erreichte Sebastian seine Grenzen, er stand auf, entschuldigte sich bei Frau Möller, rückte seinen Stuhl ohne ihn an den Tisch zurück, griff nach dem über der Stuhllehne hängenden Jackett und dachte, sich selbst beschwichtigend, in einer Minute ist alles vorbei, denn dann stehe ich bereits vor Melanies Wohnungstür. Als Sebastian im Flur stand, atmete er schon auf. Zu Hause, dachte er, werde ich Gurke und gekochte Eier mit Mayonnaise essen. Auch das kann sehr gut schmecken. Er spürte, wie sich hinter ihm jemand näherte. Sebastian vermied es sich nach der Person umzudrehen. Er hatte Angst, Frau Möller könnte ihn um seine Visitenkarte bitten. Es war jedoch Melanie, sie hielt ihn am Arm fest und sagte: »Was ist denn los?« Sebastian sagte: »Frau Möller.« Melanie nickte, ließ ihren Blick über die Abendgesellschaft gleiten und sagte: »Schnell, setz dich auf Arnos Platz. Arno steht gerade auf der Terrasse und telefoniert. Ich bringe dir dann gleich einen neuen Teller.« Sebastian zuckte mit den Schultern. Melanie sagte: »Wegen Arno brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Arno sieht nicht nur evangelisch aus, er ist es auch!« Sebastian sagte: »Bestimmt kann man auch Frau Möller als eine Prüfung ansehen!«

 

Wünsche # 9 (Benimmregeln…)

Wünsche # 9

Benimmregeln für die erste Verabredung mit mir. Was man mit mir alles machen kann, was mit „b“ beginnt: Mich beschnuppern. Mich belustigen. Mich begeistern. Mich betören. Mich bestaunen. Mich besingen. Mich bepinseln. Mich beschleunigen. Mich berauschen. Das wäre es für den ersten Abend. Und wie sieht es bei dir aus?