Alltag # 60 ( Eiskaffee schmeckt nicht…)

Alltag # 60

Marie saß in einem Café in einer Gegend, die sie nicht besonders mochte. Sie mochte die hier vorherrschenden Leute nicht. Schicke Klamotten, schicke Tattoos, schick angezogene Kinder, schicke Fahrräder. Aber gleich wieder nach Hause fahren wollte sie auch nicht. Sie hatte vorgehabt, sich Haarseife zu kaufen. Dann hatte der Laden aber schon zu gehabt, der laut Google Maps noch offen hatte. Der Kellner stellte Marie einen Eiskaffee hin. Die Sahne war so hoch aufgetürmt, dass sie den Kaffee im Glas nicht umrühren konnte. Marie griff nach dem Löffel und schaufelte sich etwas davon in den Mund. Auf der Zunge angekommen fiel sie jedoch sofort zusammen. Sprühsahne hinterließ immer das Gefühl, man würde aufgeschäumte Luft mit etwas Fett vermischt zu sich nehmen. Marie legte den langstieligen Löffel zurück auf den Unterteller, stülpte ihre Lippen über den Strohhalm, zog daran und ließ ihn dann aber schnell wieder los. Der Kaffee schmeckte verwässert. Sie drehte den Eisbecher um die eigene Achse und sah, dass er mit Eiswürfeln vollgestopft war. Sie fischte fünf große Quader heraus und suchte anschließend nach der Kugel Vanilleeis. Die hatte sich aber schon aufgelöst. Marie stöhnte. Sie wusste nicht, wie sie jetzt darüber hinwegkommen sollte, dass alles nicht schmeckte und trotzdem sieben Euro kostete. Sie schob das Glas weg und überlegte die Zeche zu prellen. Sie könnte die sieben Euro dem osteuropäischen Mann geben, der immer auf der Brücke saß, die vor der S-Bahnstation lag. Und der dort altmodisch klingende Lieder sang. Sie vermutete bulgarische. Sie wärmten einem das Herz, auch wenn man den Text nicht verstand. Oder war es gerade deswegen? Ich will, dachte Marie, das friedliche Miteinander, das einem hier vorgegaukelt wird, bloßstellen.

 

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Alltag # 61 ( Traum Wasserdurchbruch…)

Alltag # 61

Marie hat gestern Nacht geträumt, dass sie aufgewacht ist, weil im Erdgeschoss ihres Hauses Wasser durchgebrochen ist. Ihre Wohnung liegt im dritten Stock, aber auf einmal konnte sie vom Bett aus bis nach unten sehen. Das Wasser schoß aus drei großen Rohren, der Durchmesser jedes Rohres betrug zwei Meter. Das Wasser strömte ununterbrochen aus den riesigen Metallzylindern. Das war beeindruckend. Überwältigend. Der Druck, mit dem das Wasser hervorschoß, löste in Marie Erleichterung aus. Immer wieder musste sie denken: Der Damm ist gebrochen. Der Damm ist gebrochen, ich muss nichts mehr festhalten. Endlich! Endlich! Endlich! Marie schwang ihre Beine aus dem Bett. Sie wollte so schnell wie möglich zu diesem Wasser. Sie musste es umarmen und wollte von ihm umspült werden. Sie schlüpfte in ihre Flip-Flops und öffnete die Wohnungstür. Vor der Tür stand ihre Mutter. Sie füllte die ganze Breite des Türstocks aus und sah sie grimmig an. Sie war eine Wärterin. Obwohl der Gesichtsausdruck Marie einschüchterte, wollte sie dennoch versuchen, sich an ihrer Mutter vorbei zu drücken. Sie rührte sich aber nicht vom Fleck. Verzweiflung überfiel Marie. Da trat aus ihrer Mutter, wie bei einem Reklameclip, eine neblige Gestalt heraus, ein Double. Das Double lächelte Marie freundlich und verständnisvoll an, hatte aber keinen Körper, stand nur da wie ein Geist, der noch zu keiner Materie gekommen ist. Das freundliche Double versteckte sich hinter ihrer Mutter. Und die Mutter mit ihrem Materiekörper stand einfach nur weiter da und versperrte Marie den Weg. Der Mutterkörper war so unbeweglich wie ein Felsblock. Marie hatte nicht die Kraft, sie umzuwerfen. Als sie das realisierte, wachte sie auf.

 

Alltag # 57 ( Radiergummi Karteikarte…)

Alltag # 57

Ich greife nach dem Radiergummi und wusle einen Satz von der Karteikarte. Er ist unnötig. Eine Spur von warm geriebenem Gummi verbreitet sich in der Luft. Nach mehrmaligem Reiben ist die Karteikarte wieder leer und auf ihr sind nur noch zartblaue Linien zu sehen. Sie wurden auf das Papier gedruckt, um der Karte Struktur zu geben. Eine, die ich meistens nicht berücksichtige. Die Hilfestellung zu übersehen macht mir mehr Freude als sie zu benutzen. Neben der Karteikarte liegen gräulich eingefärbte Gummibrösel. Ich schätze so fünfzig bis hundert. Nun haben die Brösel den Satz und verbergen ihn vor der Welt. Und sie werden diesen Satz nicht wieder hergeben. Dieser Satz kommt nie mehr aus ihnen heraus. Unter keinen Umständen kann er zurück aufs Papier kriechen. Dabei können die Brösel den Satz weder verdauen noch ausscheiden, noch sich an ihn erinnern. Nur ich kann das. Ich könnte ihn sofort wieder aufschreiben. Das würde ich aber nur tun, um ihn gleich wieder zu verwerfen. Denn es liegt ganz bei mir. Wieder einmal nur an mir, zu entscheiden, was Bestand haben wird und was nicht.

 

Alltag # 58 ( Schnecken text..)

Alltag # 58

Marie trug schon mal das Tablett auf die Terrasse, stellte es auf dem Stuhl ab und räumte die darauf abgestellten Dinge auf den großen Tisch mit der Glasplatte. Teller, Besteck, einen vollen Brotkorb, gekochte Eier, Gläser, die Karaffe mit dem frisch gepressten Orangensaft, in dem ein paar Eiswürfel schwammen, Butter, Salz und Servietten. Sie lehnte das Tablett gegen die Hauswand und warf einen Blick in Hannahs bezaubernden Garten. Betrachtete einzelne Bäume, knuddelige Büsche, Hannahs Kräuterbeet und rief dann durch die offene Terrassentür: »Brauchst du noch Hilfe?« »Nein«, sagte Hannah, »ich komme auch gleich, ich gehe nur noch kurz ins Bad!« Marie setzte sich in den Lehnstuhl aus Rattan und sah, wie eine rotbraune Nacktschnecke an ihr vorbei kroch. Marie verfolgte die weißlich transparente, leicht glänzende Schleimspur. Sie führte bis zum Garten zurück. Marie verstand nicht, was die Schnecke auf der Terrasse wollte. Sie kroch über trockene Holzbretter Richtung weiß verputze Hauswand. Marie fragte sich, ob die Schnecke sich dabei was gedacht haben könnte. Hier oben gab es aber nichts außer ein paar Stühlen, den großen Tisch, den kleinen Tisch und die Hauswand. Noch war es zwar schattig hier, aber nur, weil die Sonne noch vor dem Haus stand. In drei Stunden, wenn sie es übers Dach geschafft hat, wird es hier oben so heiß, dass man sich die Fußsohlen auf dem dunklen Holzboden versengt, wenn man barfuß rüber läuft. Hier wird die Schnecke austrocknen, dachte Marie, oder wegen eines Sonnenstichs ohnmächtig werden. Marie fragte sich, ob sie etwas übersah. Da ihr aber nichts einfiel, was Sinn ergeben hätte, stand sie auf, ging zur Schnecke hinüber, packte sie am Rücken und setzte sie im noch leicht feuchten Gras ab. Marie wischte sich die Hand am Rock ab, setzte sich wieder hin und war mit sich und der Welt zufrieden. Wenn nur alle Hilfsaktionen so einfach wären, dachte sie, und griff nach der Karaffe, um schon mal für Hannah und sich Orangensaft einzugießen. Marie nahm einen Schluck, genoß die kühle Flüssigkeit und den säuerlichen Geschmack, der sie wach machte, und blickte zurück in den Garten. Eine Elster landete. Genau an der Stelle, wo sie die Schnecke abgesetzt hatte. Sie pickte nach etwas. Die Schnecke landete in ihrem Schnabel und die Elster flog mit ihr auf und davon. Das Ganze hatte nicht länger als eine Sekunde gedauert. Marie wusste nicht, was sie nun denken sollte. Hannah kam auf die Terrasse. In ihrer Hand der Espressokocher. Ohne zu wissen, welche Machenschaften der Natur sich hier gerade abgespielt hatten, setzte sie sich in den zweiten bequemen Korbstuhl und verteilte lächelnd Kaffee auf zwei Tassen.

 

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Alltag # 59 (Kaffee läuft aus der Maschine …)

Alltag # 59

Gerade erst hat der Kaffee angefangen aus der Maschine zu laufen und schon gibt es eine Person in seiner Nähe, die über ihn bestimmen wird. Das war bei mir und meiner Mutter nicht anders.

 

Alltag # 52 ( Sebastian und die Pfütze…)

Alltag # 52

Vor einer Minute hatte Sebastian an der Gegensprechanlage den Hörer abgenommen und die Stimme der Paketbotin gehört. Sie klang sanft und fröhlich beschwingt. Er hatte auf den Knopf gedrückt und das Summen des Türöffners gehört. Doch die Tür ging nicht auf. Auch bei wiederholtem Drücken nicht. Sebastian lief die Treppen hinunter und war wütend auf sich. Er hatte die Wohnung mit Hausschuhen verlassen. Er war immer wütend auf sich, wenn er es nicht geschafft hatte, zwei unterschiedliche Bedürfnisse miteinander in Einklang zu bringen. Er konnte es nicht ausstehen, wenn er jemanden zumuten musste, auf ihn zu warten. Er wollte sich aber auch seine Sneaker anziehen, was Zeit in Anspruch genommen hätte. An jedem anderen Tag genoß Sebastian es, die vier Stockwerke rauf und runter zu laufen. Für ihn war das ein Konditionstraining, das ihm gut tat. Aber heute kam keine Freude an seinem Treppentraining auf. Denn schon als er am Morgen zum Bäcker gegangen war, hatte er die Pfütze gesehen und vor allem gerochen. Im Moment roch es noch nach Fett. Nach ranzigem abgestandenem Frittierfett aus der Wohnung im ersten Stock, aber gleich wird seine Nase den anderen Geruch wahrnehmen. Und da war er auch schon, der Uringeruch. Sebastian erreichte das Erdgeschoß, bog um die Ecke und sah sie wieder, die gelbe Lache, die sich direkt vor der Haustür ausbreitete. Sebastian konnte nur Vermutungen anstellen warum sie genau da gelandet war. Er dachte, dass entweder irgendein Mieter mit dieser Aktion der Menschheit etwas heimzahlen wollte, oder dass jemand nachts nicht aufstehen wollte, um mit dem Hund Gassi zu gehen. Nichts davon konnte er überprüfen. Und die Mieter vom Haus, die er kannte, wussten auch nicht, von wem die Pfützen stammen. Man wusste nur, dass man sie zwei bis dreimal im Monat zu ertragen hatte. Obwohl die Hausverwaltung diesbezüglich schon mehrere Schreiben erhalten hatte, unternahm sie nichts. Und da auch diese Lache wieder niemand wegwischen wird, wird sie ganz langsam im Laufe der nächsten Tage austrocknen, bis nur noch die weißen Ränder an sie erinnern. Und die verschwanden erst dann, wenn die wöchentliche Hausreinigung kam. Sebastian stöhnte. Die heutige Lache kam ihm noch weitläufiger vor als frühere. Die Gummisohlen seiner Sneaker hätte er abwaschen können, doch die Sohlen seiner Hausschuhe bestanden nur aus einer dünnen Filzschicht, die jederzeit bereit war jegliche Art von Flüssigkeit aufzusaugen. Sebastian näherte sich der Haustür auf Zehenspitzen. Er wollte der Lache wenig Gelegenheiten für Berührungen bieten. Hinter der Glasscheibe, die in die Haustür eingelassen war, sah er die Konturen der Paketbotin. Er biß die Zähne zusammen, stieg so gut es ging über die Pfütze, drückte die Klinke nach unten und verlor die Balance.

 

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Alltag # 53 (Marie und die Socken ..)

Alltag # 53

Marie greift mit der Hand an ihre Füße. Beide sind kalt. So kalt wie Gemüse aus dem Kühlschrank. Marie sorgt sich wegen ihrer kalten Füße und denkt an Socken. Sie liegen im Schrank. Fein säuberlich zusammengefaltet in einem Karton. Nach der Aufräummethode von Marie Kondo. Marie weiß, dass Strümpfe die Kälte aus ihren Füssen vertreiben können. Sobald sie in Stoff eingepackt sind, können die Füße die Wärme wieder für sich behalten und müssen sie nicht weiter an die Umgebung abgeben. So einfach ist das, denkt Marie, und ruft nach ihren Socken. Genau genommen nach den dunkelblau melierten. Sie ist sich sicher, die Socken hören sie, auch wenn die Schranktür zu ist. Marie hat ihre Lautstärke angepasst. Die Socken rühren sich jedoch nicht. Sie drücken die Schranktür nicht auf. Und Marie tut das auch nicht. Im Moment will keiner auf sein passives Dasein verzichten.

 

Alltag # 51 ( Marie knirscht mit den Zähnen..)

Alltag # 51

Marie knirscht nachts mit den Zähnen. Der Zahnarzt hat ihr eine Schiene verschrieben. Dass ihr Kiefer durch eine Vorrichtung in eine Form gepresst werden soll, findet Marie unerträglich. Marie hat die transparente Schiene in eine Schachtel gelegt und lässt sie dort liegen, im Dunkeln ohne Aussicht auf Tageslicht. Marie knirscht nun weiter mit den Zähnen. So können die Zähne an etwas arbeiten. Dinge von einer ihr unbekannten Liste abarbeiten. Marie ist das lieber, als der totale Stillstand, den ihre Zähne in der Schiene erleben würden.