Alltag # 51 ( Marie knirscht mit den Zähnen..)

Alltag # 51

Marie knirscht nachts mit den Zähnen. Der Zahnarzt hat ihr eine Schiene verschrieben. Dass ihr Kiefer durch eine Vorrichtung in eine Form gepresst werden soll, findet Marie unerträglich. Marie hat die transparente Schiene in eine Schachtel gelegt und lässt sie dort liegen, im Dunkeln ohne Aussicht auf Tageslicht. Marie knirscht nun weiter mit den Zähnen. So können die Zähne an etwas arbeiten. Dinge von einer ihr unbekannten Liste abarbeiten. Marie ist das lieber, als der totale Stillstand, den ihre Zähne in der Schiene erleben würden.

 

Alltag # 48 ( Regen Regenschirme Frühstücken…)

Alltag # 48

Es ist Vormittag neun Uhr und es regnet. Marie geht in die Küche, öffnet die Kühlschranktür und erkundet die Situation auf den Ablageflächen. Eine gähnende Leere schlägt ihr entgegen. Das Glas Bärlauchpesto und die halb volle Tube Tomatenmark spenden ihr keinen Trost. Marie wirft die Kühlschranktür zu, geht zur Spüle, öffnet die darunter liegende Schiebetür und greift nach der Einkaufstasche. Ein Stoffbeutel, der zusammengeknüllt in einem Eimer liegt. Zusammen mit ihm verlässt sie das Zimmer und erinnert sich daran, dass es ja regnet. Marie blickt zum Wandschrank am Ende des Flurs. Im untersten Fach liegen drei Regenschirme. Zwei davon sind kaputt. Bei einem ist der wasserabweisende Stoff an zwei Stellen nicht mehr mit den Enden der Speichen verbunden. Irgendetwas ist dort total schief gegangen und seitdem schiebt sich der Bezug nach oben. Fast bis zur Mitte. Beim zweiten Schirm sind während eines Unwetters ein paar Metallstreben nach oben geknickt. Nun lässt er sich nicht mehr automatisch öffnen, geschweige denn schließen. Und außerdem bietet er so nur noch Schutz für eine Körperhälfte. Entweder schützt er die linke Schulter oder die rechte, je nachdem wie man ihn in der Hand hält. Aber solange er noch einen Teil von Maries Körper trocken halten kann, will sie ihn nicht wegwerfen. Auch hat sie vor, beide wieder auf Vordermann zu bringen. Dass das möglich ist, hat sie schon im Internet herausgefunden. Und der dritte Schirm hat einen gräßlichen Bezugsstoff, ist aber ansonsten kerngesund. Bei ihm weiß Marie nur nicht, warum er in ihrer Wohnung ist. Ihr fehlt jegliche Erinnerung daran, wie er hier gelandet ist. Sein Anblick schmerzt Marie jedesmal aufs Neue. Es fehlen hauptsächlich Frühstücksdinge, denkt Marie: Haferflocken, Obst, Brot, Butter, Joghurt, Milch. Marie stellt sich vor, den hässlichen Schirm im Wandschrank zu lassen und nichts zu frühstücken oder in ein paar Minuten Kaffee ohne Milch zu trinken und Marmelade aus der Hand zu schlecken, wie ein Hund. Maries Stimmungsbarometer klettert nicht einmal fünf Prozent nach oben. Marie zieht das Telefon aus der Hosentasche. Laut App regnet es gerade zu hundert Prozent und das soll auch die nächsten Stunden noch so bleiben. Marie geht an ihren Halbschuhen vorbei Richtung Küchenfenster. Sie will überprüfen, ob die Vorhersage auch mit dem übereinstimmt, wie das Wetter tatsächlich ist. Marie wirft einen Blick in den Hinterhof. Die Regentropfen hämmern so stark gegen die Glasscheiben, als wollten sie lauthals um Einlass bitten. Marie lässt sie draußen, setzt sich an den Küchentisch, hängt den Einkaufsbeutel über die Stuhllehne und erinnert sich an die Zeit, in der ihr Verhältnis zum herunterfallenden Wasser noch anders war. Als Jugendliche fuhr sie ab und zu mit dem Fahrrad zur Schule und manchmal wurde sie dabei vom Regen überrascht. Das hat ihr jedesmal und ausnahmslos gefallen. Sie liebte es, wenn der Regen ihre Kleidung schwer machte. Durch den Regen nahmen ihre Hose, ihre Bluse, ihr T-Shirt, ihre Socken an Gewicht zu. Der Stoff verlor den Abstand zu ihrem Körper, den er sonst fast akribisch genau einhielt. Doch nun pressten sich die Kleidungsstücke an ihre Haut, wurden zudringlich, ja sogar aufdringlich. Das war für Marie eine willkommene Abwechslung vom restlichen, so streng regulierten, Alltag. Das war ein »thrill«. Ein Ereignis. Bedauerte sie jemand, dass sie mehrere Kilometer durch den Regen hatte fahren müssen, zuckte sie nur mit den Schultern.
Aber dann kam das mit Tschernobyl und seitdem hat Marie immer Schirme im Haus. Immer gleich mehrere. Auch Marie hat die Regeln, die damals erlassen wurden befolgt. Auch sie hat es vermieden, bei Regen das Haus zu verlassen. Dass man damals im Radio den Regen so schlecht machte, hinterließ bei Marie Spuren. Dabei war es gar nicht die Schuld des Regens. Dennoch ist ihre Freude am Klatschnaßwerden nicht wieder zurückgekommen. Marie spielt mit dem Gedanken, sich ein paar Lebensmittel ins Haus liefern zu lassen. Das hat sie noch nicht probiert. Vielleicht ist für so eine Aktion, jetzt genau der richtige Zeitpunkt, denkt Marie.

 

Alltag # 46 (Sebastians Vater war zu Besuch)

Alltag # 46

Heute war Sonntag. Sebastian lag im Bett. Vor ein paar Minuten war er aufgewacht. Sein Körper fühlte sich ausgeschlafen an. Er öffnete die Augen und sah Richtung Fenster. Der Vorhang war noch zugezogen. Im Zimmer breitete sich trübes Licht aus, das hieß, es war bewölkt. Grau bewölkt. Heute will das Licht nur in mein Zimmer fallen um hier zu sterben, dachte Sebastian. Er hätte den Vorhang gerne zur Seite gerissen aber sein Arm war dafür nicht lang genug. Dazu hätte er schon aufstehen müssen. Sebastian hatte aber noch nicht das Gefühl, für den Tag bereit zu sein. Auf seinem Nachttisch stapelten sich Bücher. Zuoberst lag eines, indem eine Frau berichtet, wie ihr von einem Bären die Hälfte ihres Gesichts herausgerissen worden war und wie sich ihr Leben danach verändert hatte. Sebastian hatte sich vorgenommen, noch diese Woche mit dem Buch zu beginnen. Doch jetzt war es schon wieder Sonntag und auch heute ließ er es auf dem Nachttisch liegen. Und all die anderen auch. Er wollte weder etwas von der Welt dieser Frau erfahren noch von anderen Welten. Es war ihm aber auch nicht danach, noch länger im Bett herumzulungern. Sebastian rutschte auf der Matratze mit dem Po nach unten, streckte ein Bein unter der Decke hervor und versuchte mit seinen Zehen den Vorhang zu erreichen. Es gelang ihm nicht. Sebastian rutschte zurück zu den Kopfkissen. In ein paar Stunden war er mit Hannes und Johann zu einem Spaziergang verabredet. Dass hatten sie vorgestern abgemacht. Er griff nach seinem auf dem Nachttisch liegenden Telefon und teilte Hannes und Johann mit, dass er nicht mitkommen werde. Die Vorstellung, durch ein Naturschutzgebiet zu wandern, beflügelte ihn nicht. Sebastian stapelte seine Kopfkissen übereinander, legte sich auf die Seite, winkelte seine Knie unter der Bettdecke an und blickte zur Tür, die er immer schloß, wenn er zu Bett ging. Das tat er auch dann, wenn sonst niemand in der Wohnung war, denn auch er fühlte sich wie ein Naturschutzgebiet. Sein Telefon klingelte. Er ließ es klingeln. Zuhören war ihm zu anstrengend und etwas ins Telefon zu sprechen, wollte er schon gar nicht. Sebastian sah auf die Uhr. Jede Minute zog sich hin. Er stöhnte. Die Zeit dehnte sich viel mehr seitlich aus, als dass sie zielstrebig auf den Mittag zuschoß. Gerne hätte er jetzt eine Fernbedienung in der Hand gehabt. Eine, mit der er seine Lebenszeit manipulieren könnte. Er wollte seine Zeit schon mal bis zum heutigen Abend vorspulen, bis zehn oder elf Uhr, bis wieder Einschlafenszeit war. Sebastian drückte seinen linken Fuß gegen die rechte Wade. Seine Fußsohle war warm, auch seine Wade. Trotz dieser spürbaren Wärme würde heute weder im Aufstehen noch im Liegenbleiben Frieden einkehren. Eigentlich kannte er das schon. Eigentlich wusste er über diesen Zustand Bescheid. So lief es immer ab, wenn sein Vater bei ihm zu Besuch war. Hinterher war er jedesmal so müde, so todmüde, dass er sich gleich ins Bett warf. Was er auch gestern getan hatte, noch ohne sich vorher die Zähne zu putzen. Nach einer Begegnung mit seinem Vater, war der nächste Tag verpfuscht. Dann lief nichts mehr so, wie er es ursprünglich geplant hatte. Es war jedes mal das Gleiche. Sein Körper, mit dem er durch das Leben segelte, war dann nicht mehr steuerbar. Er hatte nichts mehr im Griff. Sein Körper trieb einfach ab, wie ein Boot ohne Segel, ohne Ruder, ohne Motor. Als er gestern seinen Vater an der Wohnungstür begrüßte, hatte er sofort das traurige Gefühl, nichts zu sagen zu haben. Und wenn, könnte er sowieso nur Themen wie das Wetter, die Politik oder technische Neuerungen ansprechen. Sobald sein Vater anwesend war, fühlte sich Sebastian wie ein Haustier. Eines, dem der Befehl gegeben worden war, stillzuhalten. Wie viele Stunden würde es dieses Mal dauern, bis er diesen Kälteeinbruch wieder überstanden hatte.

 

Alltag # 42 (Das Gefühl, S. will kurz mal …)

Alltag # 42

Das Gefühl, S. will kurz mal vorbeikommen, stresst.
Das Gefühl, L. möchte, dass es mir noch viel öfter gut geht, beruhigt.
Das Gefühl, D. möchte mich nicht mehr so oft sehen, verunsichert.
Das Gefühl, T. wird sich nicht mehr bei mir melden, tröstet.
Das Gefühl, B. will nur Raum haben um von sich zu erzählen, belastet.
Das Gefühl, G. will bei der Begrüßung lange in meiner Umarmung bleiben, beglückt.

 

Alltag # 43 (Sebastian wartet auf einen Rückruf von Marie)

Alltag # 43

Sebastian hatte Marie am Samstag angerufen. Und heute war Mittwoch. Im Grunde war das nicht weiter tragisch, dass Marie sich bei ihm nicht zurückgemeldet hatte. Sebastian wusste, dass das nichts heißen musste und dass es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch nichts hieß. Rein gar nichts. Auch hatte er keine Nachricht hinterlassen, die Maries Rückruf erforderlich gemacht hätte. Und nun war da seit Samstag diese leichte Anspannung in ihm. Eine, die er nicht ablegen konnte. Egal was er tat, begleitete sie ihn. War immer zu spüren. Das nervte ihn. Kleidung, dachte er, kann man jederzeit ablegen. Bei dem Stil, den man für sich gefunden hat, verhält es sich schon anders. Und bei Haut ist es vollkommen unmöglich. Zumindest, wenn man dabei noch überleben will. Sebastian drückte auf das grüne Icon mit dem weißen Telefonhörer, scrollte mit dem Zeigefinger die Telefonliste durch und fand die Zeile, nach der er gesucht hatte. Links war das Zeichen für ausgehende Anrufe, in der Mitte stand Maries Name und rechts das Wort Samstag. Er hatte den Beweis schwarz auf weiß vor sich. Diesen Zeitpunkt hat es gegeben. Weder hatte er sich das eingebildet, noch hatte ihn sein Erinnerungsvermögen getäuscht. Sebastian machte einen Screenshot, verstaute das Telefon in der Hosentasche und schob den Stuhl bis an die Kante des Schreibtisches. Der Termin beim Steuerberater war zwar erst in zwei Stunden, dennoch wollte er das Büro jetzt schon verlassen. Vor dem Aufzug stehend drückte er die Taste mit dem nach unten zeigenden Dreieck. Sie leuchtete rot auf. Sebastian warf einen Blick auf seine Schuhspitzen. Sie waren eingestaubt. Er spürte, wie eine Anklage in ihm hochsteigen wollte. Inzwischen gelang es ihm aber schon ganz gut, solche Gedanken abzuschmettern und zum Schweigen zu bringen. Er ging durch die Drehtür und sah in den Himmel. Er war dunkelblau. So wie er das aus Neapel kannte. Eine Farbe, die in dieser Stadt nicht so oft ausgeliefert wurde. Heute hatten die Sonnenstrahlen also freie Bahn und wurden nicht vom Grau des Himmels ausgebremst. Das gefiel ihm. Sebastian überquerte die Hauptstrasse mitsamt den Trambahnschienen. Er wollte die gesamte Strecke zu Fuß gehen. Die genaue Anzahl der Meter, die er noch bis zum Büro des Steuerberaters laufen musste, hätte er sich von seinem Telefon ausrechnen lassen können. Und auch, wie lange es dauert sie zu Fuß zu gehen. Ihm war aber nicht nach einer Vorwegnahme. Darüber brauchte er keine präzise Auskunft. Die Zeit, die noch vor ihm lag, verunsicherte ihn nicht. Bei Marie verunsicherte ihn die Zeit dagegen schon. Da wollte er Klarheit haben. Eine möglichst exakte Angabe. Sebastian blieb vor einen Designerladen stehen. Im Schaufenster stand ein Tisch mit einem neonfarbenen Gestell. Er hatte kein Bedürfnis etwas zu kaufen, sah sich Neuheiten aber gerne an. Sebastian ging weiter und bedauerte, dass er Marie nicht zwingen konnte, ihm mitzuteilen, wann sie sich bei ihm zurück melden wird. Sie höflich danach fragen, wollte er nicht. Er befürchtete verschroben auf sie zu wirken. Dabei benötigte er unbedingt diese Zeitangabe, wäre sie auch noch so absurd. Auch wenn Marie ihm mitteilte, dass sie sich erst wieder bei ihm melden würde, wenn sie das Glas mit den selbsteingelegten Mirabellen aufgegessen hat. Selbst das würde ihn entlasten. Sebastian seufzte. Dass er ihren Rückruf weder erraten noch berechnen konnte, blieb eine verfluchte Zumutung.