Alltag # 43 (Sebastian wartet auf einen Rückruf von Marie)

Alltag # 43

Sebastian hatte Marie am Samstag angerufen. Und heute war Mittwoch. Im Grunde war das nicht weiter tragisch, dass Marie sich bei ihm nicht zurückgemeldet hatte. Sebastian wusste, dass das nichts heißen musste und dass es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch nichts hieß. Rein gar nichts. Auch hatte er keine Nachricht hinterlassen, die Maries Rückruf erforderlich gemacht hätte. Und nun war da seit Samstag diese leichte Anspannung in ihm. Eine, die er nicht ablegen konnte. Egal was er tat, begleitete sie ihn. War immer zu spüren. Das nervte ihn. Kleidung, dachte er, kann man jederzeit ablegen. Bei dem Stil, den man für sich gefunden hat, verhält es sich schon anders. Und bei Haut ist es vollkommen unmöglich. Zumindest, wenn man dabei noch überleben will. Sebastian drückte auf das grüne Icon mit dem weißen Telefonhörer, scrollte mit dem Zeigefinger die Telefonliste durch und fand die Zeile, nach der er gesucht hatte. Links war das Zeichen für ausgehende Anrufe, in der Mitte stand Maries Name und rechts das Wort Samstag. Er hatte den Beweis schwarz auf weiß vor sich. Diesen Zeitpunkt hat es gegeben. Weder hatte er sich das eingebildet, noch hatte ihn sein Erinnerungsvermögen getäuscht. Sebastian machte einen Screenshot, verstaute das Telefon in der Hosentasche und schob den Stuhl bis an die Kante des Schreibtisches. Der Termin beim Steuerberater war zwar erst in zwei Stunden, dennoch wollte er das Büro jetzt schon verlassen. Vor dem Aufzug stehend drückte er die Taste mit dem nach unten zeigenden Dreieck. Sie leuchtete rot auf. Sebastian warf einen Blick auf seine Schuhspitzen. Sie waren eingestaubt. Er spürte, wie eine Anklage in ihm hochsteigen wollte. Inzwischen gelang es ihm aber schon ganz gut, solche Gedanken abzuschmettern und zum Schweigen zu bringen. Er ging durch die Drehtür und sah in den Himmel. Er war dunkelblau. So wie er das aus Neapel kannte. Eine Farbe, die in dieser Stadt nicht so oft ausgeliefert wurde. Heute hatten die Sonnenstrahlen also freie Bahn und wurden nicht vom Grau des Himmels ausgebremst. Das gefiel ihm. Sebastian überquerte die Hauptstrasse mitsamt den Trambahnschienen. Er wollte die gesamte Strecke zu Fuß gehen. Die genaue Anzahl der Meter, die er noch bis zum Büro des Steuerberaters laufen musste, hätte er sich von seinem Telefon ausrechnen lassen können. Und auch, wie lange es dauert sie zu Fuß zu gehen. Ihm war aber nicht nach einer Vorwegnahme. Darüber brauchte er keine präzise Auskunft. Die Zeit, die noch vor ihm lag, verunsicherte ihn nicht. Bei Marie verunsicherte ihn die Zeit dagegen schon. Da wollte er Klarheit haben. Eine möglichst exakte Angabe. Sebastian blieb vor einen Designerladen stehen. Im Schaufenster stand ein Tisch mit einem neonfarbenen Gestell. Er hatte kein Bedürfnis etwas zu kaufen, sah sich Neuheiten aber gerne an. Sebastian ging weiter und bedauerte, dass er Marie nicht zwingen konnte, ihm mitzuteilen, wann sie sich bei ihm zurück melden wird. Sie höflich danach fragen, wollte er nicht. Er befürchtete verschroben auf sie zu wirken. Dabei benötigte er unbedingt diese Zeitangabe, wäre sie auch noch so absurd. Auch wenn Marie ihm mitteilte, dass sie sich erst wieder bei ihm melden würde, wenn sie das Glas mit den selbsteingelegten Mirabellen aufgegessen hat. Selbst das würde ihn entlasten. Sebastian seufzte. Dass er ihren Rückruf weder erraten noch berechnen konnte, blieb eine verfluchte Zumutung.

 

Alltag # 37 ( Marie Bushaltestelle…)

Alltag # 37

Marie stand an der Bushaltestelle. Laut Plan hätte der Bus bereits vor sieben Minuten da sein sollen. Marie machte sich Vorwürfe. Nur weil sie sich das Umsteigen ersparen wollte, hatte sie sich für den Bus entschieden. Im Gegensatz zur U-Bahn, die alle fünf Minuten kam, kam der Bus nur alle zwanzig Minuten, und jetzt wusste sie noch nicht einmal, wie lange sich der Bus nun noch verspäten würde. An der Bushaltestelle gab es keine elektronische Anzeigetafel, die Auskunft darüber hätte geben können. Nun würde Saskia auf sie warten müssen. Das machte Marie nervös. Pünktlich zu sein gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und ersparte ihr unangenehme Gefühle. Pünktlichkeit war für Marie ein Ausdruck von Wertschätzung. Und Marie war es wichtig, dass Saskia sich von ihr gewertschätzt fühlte. Marie blickte in die Richtung, aus der der Bus kommen würde und sah kein einziges höheres Fahrzeug, nur niedrige PKWs auf sie zukommen. Auf der Bank im Bushäuschen saß eine ältere Frau mit Hut. Von ihr erfuhr Marie, dass der Bus sowohl gestern als auch vorgestern zu spät war. Die Tatsache, dass Saskia nicht ohne Marie ins Museum gehen konnte, löste bei Marie noch mehr Stress aus. Marie hatte sich um die Karten gekümmert. Beide lagen ausgedruckt mit dem QR-Code, der auf das gebuchte Zeitfenster hinwies, in Maries Handtasche. Marie wollte ihre Anspannung abbauen und ging vor dem Bushäuschen auf und ab. Ihre Füsse schwitzten und sie bedauerte, dass sie in ihrer Handtasche nicht nach einem trockenen Paar Socken kramen konnte, weil da einfach keine waren. Marie hörte mit dem Auf- und Abgehen auf. Sie befürchtete, die anderen Wartenden könnten von ihrem Verhalten genervt sein. Marie überlegte, ob sie Saskia jetzt schon Bescheid geben sollte, dass sie zu spät kommen wird oder erst wenn sie im Bus sitzt, wenn sie genau sagen konnte, wieviel Minuten es sein werden. Marie konnte sich nicht entscheiden. Sie wusste nicht, welche von den beiden Varianten in dieser Situation angebrachter ist. Marie seufzte. Saskia ist die Freundin, mit der es bisher noch zu keinem einzigen Streit kam. Das machte Marie glücklich. Sie trat hinter das Busshäuschen und setzte dort das Auf- und Abgehen fort. Marie wollte unbedingt, dass es zwischen Saskia und ihr so blieb, wie es war. Nämlich gut. Marie bekam Seitenstechen. Wahrscheinlich, dachte sich Marie, atme ich komplett falsch. Marie blieb stehen, drückte eine Hand in die Taille und sah mit der anderen auf dem Telefon nach, was die Uhrzeit inzwischen sagte. Zwanzig Minuten waren vorbei und Marie wusste immer noch nicht, ob der Bus nun komplett ausgefallen war, oder ob nun gleich zwei Busse hinter einander auftauchen würden. Marie spürte, wie ihr Pony auf der Stirn klebte. Vielleicht würde sie nun auch schon unangenehm riechen. Marie presste ihre Arme fest gegen den Oberkörper, um die Achselhöhlen möglichst luftdicht zu verschließen, trat ins Bushäuschen und sprach noch einmal mit der alten Frau, erfuhr aber nur, dass deren Tochter im Krankenhaus lag und sie sich nun um ihre Katzen kümmern musste. Marie hoffte weiter darauf, dass nun wenigstens einer von den beiden Busen gleich ankommen würde und fragte sich, ob sie bei Saskia eine Art Guthaben hatte, denn schließlich kam sie sonst nie zu spät. Oder würde Saskia ihr etwa schon das erste Zuspätkommen krumm nehmen? Marie streifte sich die nassen Haare aus der Stirn, spürte ihren trockenen Mund und hoffte, Saskia würde sie nicht schroff anfahren, sobald sie beim Museum ankam. Das wäre arg. Marie könnte das nicht ertragen. Ihre Kapazität von Unerträglichem war ausgeschöpft. Überstieg schon den dafür vorhandenen Speicherplatz. Marie rechnete ihre momentane Verspätung aus und überlegte, ob sie doch noch versuchen sollte, die verlorene Zeit aufzuholen. Sie wollte Saskia auf keinen Fall verstimmen. Marie stellte sich an den Rand des Bürgersteigs und winkte ein Taxi heran. Der Taxifahrer blinkte, verlangsamte sein Tempo und hielt ein paar Meter nach der Bushaltestelle an. Marie öffnete die hintere Tür, stieg ein, ließ sich ins Polster fallen und beruhigte sich etwas. Nun würde sie wenigstens nicht sehr viel mehr als eine halbe Stunde zu spät kommen. Marie fragte sich, wie sie das Geld, dass sie nun für die Taxifahrt ausgeben musste, wieder einsparen konnte, auf was sie zukünftig verzichten würde, damit sich diese Ausgabe schnell amortisiert hätte. Sie wird auf ihr teures Shampoo verzichten, dachte sie sich. Eine zeitlang könne sie sich ihre Haare nur mit Seife waschen. Marie fand die Idee gut und überlegte, ob sie Saskia jetzt noch eine Nachricht schicken sollte. In acht Minuten würde sie da sein, und vielleicht, dachte sich Marie, ist es besser, wenn Saskia gleich mein betröppeltes Gesicht sehen kann, und nicht nur eine trockene Nachricht zu lesen bekommt. Marie bückte sich, zog ihre nassen Socken aus, verstaute die feuchten Socken in der Jackentasche und stieg barfuss zurück in die Schuhe. Im Museum wird sie auf die Toilette gehen und die Socken unter dem Handfön trocknen. Der Fahrer stoppte das Taxameter. Marie reichte ihm dreißig Euro, wartete auf das Wechselgeld, stieg aus, und lief eilig zum Eingangsbereich des Museums. Vor der Tür standen drei Personen. Keine davon war Saskia. Maries Magen krampfte. Ein unangenehmer Gedanke schoß ihr in den Kopf. Könnte es sein, dass Saskia schon nach Hause gegangen war, weil sie keine Lust mehr darauf hatte, noch länger auf sie warten zu müssen. Ich hatte ihr ja noch nicht einmal Bescheid gegeben, dass ich zu spät kommen würde, dachte sie sich. Nun begann es auch noch zu nieseln. Maries Atem stockte. Die Vorstellung, dass Saskia sich wegen diesem Vorfall, dazu entschließen könnte, nicht mehr mit ihr zu reden, trieb ihr Tränen in die Augen. Marie schwor sich, das nächste Mal einen früheren Bus zu nehmen. Das Telefon piepte. Marie drehte das Display zu sich. Das war Saskia. Sie schickte ein Sprachnachricht. Marie drückte auf play, presste das Telefon ans Ohr und hielt die Luft an. Saskias Stimme klang wie immer. Schwungvoll. Sie sagte, Marie solle sich doch schon mal ins Museumscafé setzen und Kuchen und Kaffee bestellen. Auch gerne zwei Stück Kuchen oder zwei Kaffee oder was auch immer sie wolle, auch Prosecco, alles wonach ihr sei, und alles ginge dann auf Saskias Rechnung, denn sie komme hier einfach nicht weg, und könne frühestens in einer halben Stunde beim Museum sein.

 

Alltag # 31 ( Sebastian betritt Bäckerei…)

Alltag # 31

Sebastian betritt die Bäckerei. Es ist morgens um acht. Stoßzeit. Drei Verkäuferinnen arbeiten hinter der Theke. Vor ihm müssen noch sieben Personen bedient werden. Sebastian möchte unbedingt die S-Bahn um sieben nach noch erwischen. Endlich ist er dran. Die Verkäuferin, die ihn bedient, ist neu. Sie ist in Sebastians Alter, hat ein ebenmäßiges Gesicht, dunkle glatte Haare, ungezupfte Augenbrauen und trägt auf ihrem Unterarm ein Tattoo. Eine schwarze Lilie. Sebastian bestellt bei ihr einen doppelten Espresso. Die Verkäuferin befüllt ein Sieb, streift das überflüssige Kaffeepulver ab, drückt das Kaffeepulver fest und setzt das Sieb ein. Beide, die Verkäuferin und Sebastian beobachten wie ein dünnes schwarzes Rinnsal aus der Tülle des Siebträgers läuft. Die Verkäuferin zieht den Pappbecher unter der Maschine hervor und fragt Sebastian, ob er noch etwas von der warmen geschäumten Milch in seinen Espresso haben möchte. Wie charmant, denkt Sebastian, sie will meinen Espresso aufwerten. Solch großzügiges Verhalten löst bei Sebastian ganz schnell ein Gefühl von Wärme aus. Sebastian lächelt die Verkäuferin an und nickt. Die Verkäuferin hält das Milchgefäss schräg, löffelt extra viel Milchschaum in Sebastians Kaffeebecher und nennt Sebastian den Preis für einen doppelten Espresso. Sebastian legt Kleingeld auf die Theke, sagt: »Stimmt schon!« und greift nach dem Becher. Sebastian tritt ins Freie, geht zum nächsten Straßenbaum und kippt den Espresso Macchiato aus. Die Grashalme verfärben sich braun. Sebastian hasst heiße Milch. Schon alleine bei der Vorstellung, dass die Kapillaren auf seiner Zunge alle Nuancen von Milch wahrnehmen müssen, wird ihm übel. Sebastian überlegt, ob er morgen in eine andere Bäckerei gehen soll. Auch wenn diese dann nicht so direkt auf dem Weg zur S-Bahn liegt.

Alltag # 32 ( Sebastian, Güterzug, Fernweh…)

Alltag # 32

Sebastian steht auf dem Bahnsteig. Die morgendliche Sonne wärmt sein Gesicht. Neben dem Gleis, auf dem die S-Bahn fährt, die ihn jeden Tag mitnimmt, ihn jeden Tag einsteigen lässt, gibt es ein weiteres Gleis. Meistens passiert auf diesem zweiten Gleis nichts. Ab und an sieht Sebastian dort einen ICE vorbeifahren. Einem ICE schenkt Sebastian keine Aufmerksamkeit. Seine Fenster machen alles so durchschaubar. Aber heute braust mit hoher Geschwindigkeit eine Lock heran. Eine pechschwarze. Luft wird verdrängt, zusammen gepresst und streift als Fahrtwind Sebastians Nase. Der Saum seiner offenen Jacke weht von seinem Körper weg. Sein Hemd wird leicht aufgebläht. Nicht enden wollende rostfarbene Wagons rasen vorbei. Das fensterlose fasziniert Sebastian. Weder ist erkennbar was transportiert wird noch aus welchem Land die Güter stammen. Sebastian versucht ein paar Aufschriften auf den Container zu entziffern. Es gelingt ihm nicht. Der Zug ist zu schnell. Sebastian horcht auf das Geräusch, das die Räder in Verbindung mit den Gleisen machen. Das so typische Rattern. Sebastian lässt den metallischen Sound in jede Pore seines Körpers eindringen. Wenn er könnte würde er die Töne auffangen, in Behälter packen und mitnehmen. So sehr liebt er diesen Ton. Ein Ton des Ungebundenseins. Ein Transportzug mit Gütern braucht nicht stehenzubleiben. Er muss weder hier anhalten noch im nächsten Bahnhof. Noch nicht einmal in der nächsten oder übernächsten Stadt. Er rauscht einfach vorbei. An allem.