Kultur # 23 ( Astrid sagt: Serien schauen… )

 

Kultur # 23

Astrid sagt: »Ich bin dem Serienschauen verfallen. Call my Agent. Miranda. Furia. Kranitz. Das Haus am Hang. The Pier. Um nur einige davon zu nennen. Ich will dieses Verhalten gar nicht verstehen. Ich will es nur tun. Ich will mir da auch nicht reinreden lassen. Sagt jemand zu mir, das ist doch die reinste Zeitverschwendung, denke ich, kannst du von dir behaupten, dass du keine Zeitverschwendung bist! Ich gebe jedoch zu, dass das eine eigenartige Ausübung von Menschsein ist, die einem noch dazu viel Passivität abverlangt. Habe ich mich für eine Serie entschieden und bei der ersten Folge die Play-Taste gedrückt, freue ich mich schon darüber, dass es noch weitere Folgen von dieser Serie gibt. Und habe ich alle Folgen bis zu Ende gesehen, freue ich mich schon darauf, dass noch weitere Staffeln auf mich warten. Habe ich den Gipfel erreicht und mir alle Staffeln angesehen, heißt das nicht, dass es mit dem Zeitvertreib zu Ende ist. Denn dann wartet die nächste Serie auf mich. Es gibt immer wieder neue Serien oder alte, die ich noch nicht gesehen oder schon wieder vergessen habe. Die Serien gehen nicht aus. Nie. So ist das. Und das einzige, was ich noch zugeben will ist, dass ich mich auf eine Suche begebe, wenn ich Serien schaue. Es ist aber keine Suche nach für mich versteckten Ostereiern. Diese Suche würde ein ganz natürliches Ende finden. Das wäre das Schöne daran. Die Suche beim Serienschauen ist eigenartiger. Ich suche nach etwas, dass keine Sättigung zulässt. Oder ich benötige den Zustand, der eine Sättigung vermeidet. Oder noch anders: Ich suche genau den Zustand, dass etwas nicht gesättigt werden kann.«

 

Alltag # 37 ( Marie Bushaltestelle…)

Alltag # 37

Marie stand an der Bushaltestelle. Laut Plan hätte der Bus bereits vor sieben Minuten da sein sollen. Marie machte sich Vorwürfe. Nur weil sie sich das Umsteigen ersparen wollte, hatte sie sich für den Bus entschieden. Im Gegensatz zur U-Bahn, die alle fünf Minuten kam, kam der Bus nur alle zwanzig Minuten, und jetzt wusste sie noch nicht einmal, wie lange sich der Bus nun noch verspäten würde. An der Bushaltestelle gab es keine elektronische Anzeigetafel, die Auskunft darüber hätte geben können. Nun würde Saskia auf sie warten müssen. Das machte Marie nervös. Pünktlich zu sein gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und ersparte ihr unangenehme Gefühle. Pünktlichkeit war für Marie ein Ausdruck von Wertschätzung. Und Marie war es wichtig, dass Saskia sich von ihr gewertschätzt fühlte. Marie blickte in die Richtung, aus der der Bus kommen würde und sah kein einziges höheres Fahrzeug, nur niedrige PKWs auf sie zukommen. Auf der Bank im Bushäuschen saß eine ältere Frau mit Hut. Von ihr erfuhr Marie, dass der Bus sowohl gestern als auch vorgestern zu spät war. Die Tatsache, dass Saskia nicht ohne Marie ins Museum gehen konnte, löste bei Marie noch mehr Stress aus. Marie hatte sich um die Karten gekümmert. Beide lagen ausgedruckt mit dem QR-Code, der auf das gebuchte Zeitfenster hinwies, in Maries Handtasche. Marie wollte ihre Anspannung abbauen und ging vor dem Bushäuschen auf und ab. Ihre Füsse schwitzten und sie bedauerte, dass sie in ihrer Handtasche nicht nach einem trockenen Paar Socken kramen konnte, weil da einfach keine waren. Marie hörte mit dem Auf- und Abgehen auf. Sie befürchtete, die anderen Wartenden könnten von ihrem Verhalten genervt sein. Marie überlegte, ob sie Saskia jetzt schon Bescheid geben sollte, dass sie zu spät kommen wird oder erst wenn sie im Bus sitzt, wenn sie genau sagen konnte, wieviel Minuten es sein werden. Marie konnte sich nicht entscheiden. Sie wusste nicht, welche von den beiden Varianten in dieser Situation angebrachter ist. Marie seufzte. Saskia ist die Freundin, mit der es bisher noch zu keinem einzigen Streit kam. Das machte Marie glücklich. Sie trat hinter das Busshäuschen und setzte dort das Auf- und Abgehen fort. Marie wollte unbedingt, dass es zwischen Saskia und ihr so blieb, wie es war. Nämlich gut. Marie bekam Seitenstechen. Wahrscheinlich, dachte sich Marie, atme ich komplett falsch. Marie blieb stehen, drückte eine Hand in die Taille und sah mit der anderen auf dem Telefon nach, was die Uhrzeit inzwischen sagte. Zwanzig Minuten waren vorbei und Marie wusste immer noch nicht, ob der Bus nun komplett ausgefallen war, oder ob nun gleich zwei Busse hinter einander auftauchen würden. Marie spürte, wie ihr Pony auf der Stirn klebte. Vielleicht würde sie nun auch schon unangenehm riechen. Marie presste ihre Arme fest gegen den Oberkörper, um die Achselhöhlen möglichst luftdicht zu verschließen, trat ins Bushäuschen und sprach noch einmal mit der alten Frau, erfuhr aber nur, dass deren Tochter im Krankenhaus lag und sie sich nun um ihre Katzen kümmern musste. Marie hoffte weiter darauf, dass nun wenigstens einer von den beiden Busen gleich ankommen würde und fragte sich, ob sie bei Saskia eine Art Guthaben hatte, denn schließlich kam sie sonst nie zu spät. Oder würde Saskia ihr etwa schon das erste Zuspätkommen krumm nehmen? Marie streifte sich die nassen Haare aus der Stirn, spürte ihren trockenen Mund und hoffte, Saskia würde sie nicht schroff anfahren, sobald sie beim Museum ankam. Das wäre arg. Marie könnte das nicht ertragen. Ihre Kapazität von Unerträglichem war ausgeschöpft. Überstieg schon den dafür vorhandenen Speicherplatz. Marie rechnete ihre momentane Verspätung aus und überlegte, ob sie doch noch versuchen sollte, die verlorene Zeit aufzuholen. Sie wollte Saskia auf keinen Fall verstimmen. Marie stellte sich an den Rand des Bürgersteigs und winkte ein Taxi heran. Der Taxifahrer blinkte, verlangsamte sein Tempo und hielt ein paar Meter nach der Bushaltestelle an. Marie öffnete die hintere Tür, stieg ein, ließ sich ins Polster fallen und beruhigte sich etwas. Nun würde sie wenigstens nicht sehr viel mehr als eine halbe Stunde zu spät kommen. Marie fragte sich, wie sie das Geld, dass sie nun für die Taxifahrt ausgeben musste, wieder einsparen konnte, auf was sie zukünftig verzichten würde, damit sich diese Ausgabe schnell amortisiert hätte. Sie wird auf ihr teures Shampoo verzichten, dachte sie sich. Eine zeitlang könne sie sich ihre Haare nur mit Seife waschen. Marie fand die Idee gut und überlegte, ob sie Saskia jetzt noch eine Nachricht schicken sollte. In acht Minuten würde sie da sein, und vielleicht, dachte sich Marie, ist es besser, wenn Saskia gleich mein betröppeltes Gesicht sehen kann, und nicht nur eine trockene Nachricht zu lesen bekommt. Marie bückte sich, zog ihre nassen Socken aus, verstaute die feuchten Socken in der Jackentasche und stieg barfuss zurück in die Schuhe. Im Museum wird sie auf die Toilette gehen und die Socken unter dem Handfön trocknen. Der Fahrer stoppte das Taxameter. Marie reichte ihm dreißig Euro, wartete auf das Wechselgeld, stieg aus, und lief eilig zum Eingangsbereich des Museums. Vor der Tür standen drei Personen. Keine davon war Saskia. Maries Magen krampfte. Ein unangenehmer Gedanke schoß ihr in den Kopf. Könnte es sein, dass Saskia schon nach Hause gegangen war, weil sie keine Lust mehr darauf hatte, noch länger auf sie warten zu müssen. Ich hatte ihr ja noch nicht einmal Bescheid gegeben, dass ich zu spät kommen würde, dachte sie sich. Nun begann es auch noch zu nieseln. Maries Atem stockte. Die Vorstellung, dass Saskia sich wegen diesem Vorfall, dazu entschließen könnte, nicht mehr mit ihr zu reden, trieb ihr Tränen in die Augen. Marie schwor sich, das nächste Mal einen früheren Bus zu nehmen. Das Telefon piepte. Marie drehte das Display zu sich. Das war Saskia. Sie schickte ein Sprachnachricht. Marie drückte auf play, presste das Telefon ans Ohr und hielt die Luft an. Saskias Stimme klang wie immer. Schwungvoll. Sie sagte, Marie solle sich doch schon mal ins Museumscafé setzen und Kuchen und Kaffee bestellen. Auch gerne zwei Stück Kuchen oder zwei Kaffee oder was auch immer sie wolle, auch Prosecco, alles wonach ihr sei, und alles ginge dann auf Saskias Rechnung, denn sie komme hier einfach nicht weg, und könne frühestens in einer halben Stunde beim Museum sein.