Lebensentwürfe # 17 ( Heidrun lädt Marie zum Kaffee ein.)

Lebensentwürfe # 17

»Den Kaffee hab ich schon aufgesetzt, der muss gleich durchgelaufen sein!« Marie greift nach der auf dem Tisch stehenden Mineralwasserflasche. »Warte«, sagt Heidrun, »dein Glas kommt gerade aus der Spülmaschine, es ist noch heiß, ich hol dir besser einen Plastikbecher.« »Das brauchst du nicht!« »Doch«, sagt Heidrun, »du sollst bei dem Wetter kein lauwarmes Mineralwasser trinken müssen!« »Das macht mir aber nichts aus!« Marie schraubt die Flasche auf und gießt sich ein. »Wie toll das bei dir hier ist!« »Ich bin diese Woche noch nicht dazu gekommen, den Rasen zu mähen. Diese struppigen Büschel schauen wirklich gräßlich aus. Das tut mir leid, dass du das jetzt so sehen musst.« »Du hast so schöne Obstbäume im Garten stehen!« Heidrun springt auf. »Ich hole dir schnell ein paar Eiswürfel für das Mineralwasser!« Marie sieht Heidrun dabei zu, wie sie im Haus verschwindet und dann auf den gedeckten Tisch. Ein weißes Tischtuch und Blumen aus dem Garten in einem bauchigen Tonkrug. Das Sonntagskaffeeservice. Ein niedliches Zuckerdöschen. Mit kleinen Schweinchen bedruckte Servietten. Und in der Mitte thront der Kuchen. Marie liebt Heidelbeeren. Heidrun stellt ein kleines Porzellanschüsselchen mit Eiswürfel auf den Tisch. »Bitte bedien dich!« Marie greift mit einer Zange nach den Eiswürfeln und wirft ein paar davon in ihr Glas. »Wie dumm von mir, ich hätte doch schon früher an die Eiswürfel denken können!« »Alles gut«, sagt Marie, und »wie toll, dass du einen Kuchen gebacken hast!« Heidrun springt auf. »Jetzt habe ich doch glatt vergessen den Kuchen abzudecken. Nun sitzen schon Fliegen darauf. Hoffentlich willst du jetzt überhaupt noch ein Stück davon essen!« Heidrun eilt durch die offene Terrassentür und kommt mit einer luftdurchlässigen Kuchenabdeckhaube zurück. Marie sagt: »Du kannst hier jeden Tag im Freien sitzen, was muss das für ein Genuss sein!« Heidrun springt auf. »Die Sahne ist noch im Kühlschrank, ich habe ganz vergessen, sie da raus zu holen!« Heidrun saust zurück in die Küche und Marie fragt sich, ob sie die nächste Einladung von Heidrun ablehnen soll. Vielleicht wird eine Absage Heidrun mehr entspannen.

Lebensentwürfe # 16 ( Ich bin… Ich bin … Ich bin ..)

Lebensentwürfe # 16

Ich bin ein Wunschkind. Ich bin ohne jeden Zweifel. Ich bin bereit. Ich bin zugedröhnt. Ich bin dein Sonnenschein. Ich bin ausgezeichnet worden. Ich bin schon früh verblüht. Ich bin in einen Strudel geraten. Ich bin ganz deiner Meinung. Ich bin ein Hund. Ich bin nicht mehr mitgekommen. Ich bin nicht weitergegangen. Ich bin zu Tränen gerührt. Ich bin stecken geblieben. Ich bin von allen guten Geistern verlassen. Ich bin grausam gewesen. Ich bin die, die dich immer noch umarmt. Ich bin dagegen. Ich bin unverwüstbar. Ich bin auf Wolke sieben. Ich bin gefragt. Ich bin auf hoher See. Ich bin fest entschlossen. Ich bin mitgegangen. Ich bin neben der Spur. Ich bin nicht gewillt, das zu tun. Ich bin verdammt gut darin. Ich bin von einer Liebe platt gemacht worden. Ich bin mittellos. Ich bin überrumpelt worden. Ich bin in die Knie gegangen. Ich bin verlässlich. Ich bin zu früh dran. Ich bin vom Wetter überrascht worden. Ich bin noch unterwegs. Ich bin untergegangen. Ich bin vom Tod erfasst worden.

Lebensentwürfe # 14 ( Marie will die Augen nicht öffnen)

Lebensentwürfe # 14

Marie konnte durch ihre geschlossenen Lider erkennen, dass es draußen bereits hell war. Also musste es schon nach sieben Uhr sein. Marie hielt ihre Augen weiterhin geschlossen und zählte. Eins. Zwei. Drei. Sie zählte die Schläge der Kirchenglocke mit. Vier. Fünf. Nach fünf hörte sie nicht mehr zu. Eigentlich war es ihr egal, wie spät es jetzt war. Auch eine Uhrzeit wird bei ihr nicht auslösen, die Augen zu öffnen. Wenn sie ihr Gehirn durchforstete, warum das so war, fand sie keinen nachvollziehbaren Grund. Weder war sie durch eine Prüfung gefallen, noch hatte sich jemand von ihr getrennt. Auch hatte sie keinen Fahrradunfall, noch stand der Gerichtsvollzieher vor der Tür.
Man sagt, dass das Gelb und das Rot der Blätter immer schon unter dem Grün wohnt und nicht erst dann gebildet wird wenn es Herbst wird. Marie überlegte, ob sie etwas in ihrem Medizinschränckchen hat, was sie einnehmen könnte. Sie wollte weiterschlafen. Da waren Schmerzmittel. Eine Packung Ibuprofen, ein paar Aspirin und eine halbe Schachtel ASS-ratiopharm. Sie hatte sie gekauft, weil sie vor einem Monat auf einmal Angst hatte, ein Blutgerinnsel zu bekommen. Um die Angst zu bändigen, hatte sie eine Woche lang jeden Tag eine von den ASS-Tabletten genommen. Es war also nichts da, was ihr beim Wiedereinschlafen helfen würde. Marie zwang sich, an ihre letzte Essenseinladung zu denken, wie glücklich sie an dem Abend war, wie gut ihr die Gespräche gefallen hatten. Das gemeinsame Lachen. Das Gefühl hielt sich aber nicht lange. Marie zwang sich, an ihren grobgestrickten rosaroten Wollpullover zu denken. Sie war so froh, dass sie sich ihn geleistet hatte. Er löste so ein Wohlbehagen in ihr aus. Zog sie ihn an, kam sie sich wie ein Murmeltier vor, dass sich sein Fell bei einem Friseur hat rosa färben lassen. Aber auch dieses Gefühl verflüchtigte sich wieder. Was blieb, war ein Reiz. Der Reiz, einfach nicht mehr mitzumachen. Auch nicht beim Aufstehen mitzumachen. Damit wird sie sich durchsetzen.

Lebensentwürfe # 11 (Andrea und Lioba …)

Lebensentwürfe # 11

Vor drei Wochen hat Andrea von Lioba, ihrer Liebsten, ein Stellenangebot zugeschickt bekommen. Die Stelle wäre perfekt für Andrea. Sie könnte mit Jugendlichen zusammen arbeiten und hätte noch einen weiteren Tag in der Woche frei. Andrea möchte nicht mehr in dem Möbelhaus sitzen und Leute beraten. Seit Jahren arbeitet sie dort am Empfang und schafft den Absprung nicht. Andrea hat ein neues Passfoto machen lassen, Zeugnisse aus dem Ordner gekramt, die Bewerbung geschrieben und das Kuvert zur Post gebracht. Aber seit sie weiß, dass ihre Bewerbung in irgendeinem Büro auf irgendeinem Schreibtisch herum liegt, ganz real, so mit Schwerkraft und mit Atomen, die nicht vor ihrer Zeit auseinander fallen werden, fällt ihr das Einschlafen schwer. Oft liegt sie wach bis vier Uhr früh und stellt sich immer wieder den Ablauf des Bewerbungsgesprächs vor. »Warum haben Sie seit Ihrem Studium nicht als Pädagogin gearbeitet?« Das wird sie gefragt werden und darauf weiß sie keine Antwort. Der Abschluss ihres Studiums liegt zehn Jahre zurück. Was soll daran bedeutsam sein. Lioba sieht nun jeden morgen in ein blasses Gesicht und versucht Andrea aufzumuntern. Heute streichelt sie Andreas Haare und sagt: »Mein Schatz, Du bist loyal, zuverlässig, hast eine schnelle Auffassungsgabe und Humor. Da kann gar nichts schief gehen. Da bin ich mir sicher!« Andrea wischt das Gehörte mit einer Handbewegung weg, steht auf und geht unter die Dusche. Ohne Psychopharmaka werde ich das Bewerbungsgespräch nicht stemmen können, denkt Andrea. Aber Ärzte stellen Diagnosen. Und Andrea möchte keine haben. Sie befürchtet, die Diagnose könnte sich in ihrem Kopf festklammern. Für immer. Drogen sind einfacher zu bekommen als Psychopharmaka, denkt Andrea, und kein Dealer der Welt wird mich danach fragen, warum ich sie brauche. Höchstens wieviel und damit kann ich umgehen. Koks, denkt Andrea. Warum nicht! Koks klingt nach was. Aufregend. Abenteuerlich. Schokolade reicht nicht mehr. Wird Andrea das Gefühl der Stagnation zu mächtig, kauft sie sich Kakao Trüffel. Am liebsten die von der französischen Firma und dann gleich die fünfhundert Gramm Dose im Doppelpack. An schlimmen Tagen fährt sie dafür auch zweimal durch die Stadt, um ihre bevorzugte Marke zu bekommen. Zu Hause legt sie sich immer nur einen Trüffel auf die Zunge. Macht das aber so lange, bis die Dosen leer sind. Zusehen darf dabei niemand. Aber, denkt Andrea, mit Kakao Trüffel komme ich jetzt nicht weiter.

Lebensentwürfe # 7 (E. ist nicht glücklich mit T…)

Lebensentwürfe # 7

Emmi ist nicht glücklich mit Tobias. Weder mit ihm als Ehemann noch mit ihm als Vater. Tobias weiß das. Er weiß aber nicht was er daran ändern kann. Er hat Angst, dass Emmi ihn verläßt. Er will um keinen Preis alleine sein. Er weiß nicht, wo er auf einmal Freunde hernehmen sollte. Wenn es für ihn ganz schlimm ist, schreit er Klara an, die gemeinsame Tochter. Er findet er hat ein Recht dazu. Denn es ärgert ihn, dass Klara nie aus Sehnsucht weint, wenn er weg ist. Aber immer, wenn Emmi geht.

Lebensentwürfe # 8 (R. würde nie seine Frau verlassen…)

Lebensentwürfe # 8

Robert würde seine Frau nie verlassen. Und weil er das weiß, und sich dabei auch ganz sicher ist, erlaubt er sich, sie zu betrügen. Seiner Geliebten sagt er, dass er es so schade finden würde, dass sie sich nicht früher kennengelernt haben. Robert glaubt, dass er mit seiner Geliebten insgesamt glücklicher geworden wäre als mit seiner Frau. Aber seine Frau zu verlassen kommt für ihn nicht in Frage. Robert will das Versprechen halten, dass er ihr gegeben hat.