Lebensentwürfe # 11 (Andrea und Lioba …)

Lebensentwürfe # 11

Vor drei Wochen hat Andrea von Lioba, ihrer Liebsten, ein Stellenangebot zugeschickt bekommen. Die Stelle wäre perfekt für Andrea. Sie könnte mit Jugendlichen zusammen arbeiten und hätte noch einen weiteren Tag in der Woche frei. Andrea möchte nicht mehr in dem Möbelhaus sitzen und Leute beraten. Seit Jahren arbeitet sie dort am Empfang und schafft den Absprung nicht. Andrea hat ein neues Passfoto machen lassen, Zeugnisse aus dem Ordner gekramt, die Bewerbung geschrieben und das Kuvert zur Post gebracht. Aber seit sie weiß, dass ihre Bewerbung in irgendeinem Büro auf irgendeinem Schreibtisch herum liegt, ganz real, so mit Schwerkraft und mit Atomen, fällt ihr das Einschlafen schwer. Oft liegt sie wach bis vier Uhr früh und stellt sich immer wieder den Ablauf des Bewerbungsgesprächs vor. »Warum haben Sie seit Ihrem Studium nicht als Pädagogin gearbeitet?« Das wird sie gefragt werden und darauf weiß sie keine Antwort. Der Abschluss ihres Studiums liegt zehn Jahre zurück. Was soll daran bedeutsam sein. Lioba sieht nun jeden morgen in ein blasses Gesicht und versucht Andrea aufzumuntern. Heute streichelt sie Andreas Haare und sagt: »Mein Schatz, Du bist loyal, zuverlässig, hast eine schnelle Auffassungsgabe und Humor. Da kann gar nichts schief gehen. Da bin ich mir sicher!« Andrea wischt das Gehörte mit einer Handbewegung weg, steht auf und geht unter die Dusche. Ohne Psychopharmaka werde ich das Bewerbungsgespräch nicht stemmen können, denkt Andrea. Aber Ärzte stellen Diagnosen. Und Andrea möchte keine haben. Sie befürchtet, die Diagnose könnte sich in ihrem Kopf festklammern. Für immer. Drogen sind einfacher zu bekommen als Psychopharmaka, denkt Andrea, und kein Dealer der Welt wird mich danach fragen, warum ich sie brauche. Höchstens wieviel und damit kann ich umgehen. Koks, denkt Andrea. Warum nicht! Koks klingt nach was. Aufregend. Abenteuerlich. Sahne reicht nicht mehr. Wird Andrea das Gefühl der Stagnation zu mächtig, kauft sie sich Sahne. Aus der Dose. An schlimmen Tagen geht sie dafür auch zweimal in den Supermarkt. Andrea lässt sich die Sahne in den Mund laufen. Sprüht sie sich direkt auf die Zunge. So lange, bis die Dose leer ist. Zusehen darf dabei niemand. Aber, denkt Andrea, mit Sprühsahne komme ich jetzt nicht weiter.

Lebensentwürfe # 7 (E. ist nicht glücklich mit T…)

Lebensentwürfe # 7

Emmi ist nicht glücklich mit Tobias. Weder mit ihm als Ehemann noch mit ihm als Vater. Tobias weiß das. Er weiß aber nicht was er daran ändern kann. Er hat Angst, dass Emmi ihn verläßt. Er will um keinen Preis alleine sein. Er weiß nicht, wo er auf einmal Freunde hernehmen sollte. Wenn es für ihn ganz schlimm ist, schreit er Klara an, die gemeinsame Tochter. Er findet er hat ein Recht dazu. Denn es ärgert ihn, dass Klara nie aus Sehnsucht weint, wenn er weg ist. Aber immer, wenn Emmi geht.

Lebensentwürfe # 8 (R. würde nie seine Frau verlassen…)

Lebensentwürfe # 8

Robert würde seine Frau nie verlassen. Und weil er das weiß, und sich dabei auch ganz sicher ist, erlaubt er sich, sie zu betrügen. Seiner Geliebten sagt er, dass er es so schade finden würde, dass sie sich nicht früher kennengelernt haben. Robert glaubt, dass er mit seiner Geliebten insgesamt glücklicher geworden wäre als mit seiner Frau. Aber seine Frau zu verlassen kommt für ihn nicht in Frage. Robert will das Versprechen halten, dass er ihr gegeben hat.

Lebensentwürfe # 1 (Mein Schreibtisch…)

Lebensentwürfe # 1

Mein Schreibtisch steht neben dem Fenster. Ich höre, wie Regentropfen gegen die Einfachverglasung prasseln. Ich drehe meinen Kopf vom Computerbildschirm weg und werfe einen Blick auf das Fenster. Ich fokussiere einen gerade eben erst gelandeten Tropfen und sehe ihm dabei zu, wie er an der Glasscheibe entlang nach unten läuft. Je größer die Wegstrecke wird, die er zurücklegt, umso weniger bleibt von seinem Körper übrig. Pragmatisch gesehen, sehe ich gerade dabei zu, wie ein Regentropfen auf sich selbst abrutscht. Nach ein paar Sekunden ist der Tropfenkörper komplett verschwunden. Er existiert nicht mehr. Gehört schon der alles verschlingenden Vergangenheit an. Mit ruhigem Gewissen sage ich, dass jeder Regentropfen einer Schnelllebigkeit unterworfen ist. Ja, ihr sogar völlig ausgeliefert ist. Mit Haut und Haar. Mit Regenhaut und Tropffrisur. Gerade war er noch in einer Wolke, wurde er aus ihr heraus geboren, löste er sich aus seiner Geburtswolke heraus, hatte gerade noch im freien Fall einen Körper, einen, der nur ihm gehörte, und schon ist sein Körper wieder verloschen. Kurz nach dem Aufprall auf einer Glasscheibe. Der Lebenslauf eines einzelnen Tropfens ist wirklich keiner Rede wert. Aber ein paar Worte wollte ich dennoch darüber verlieren.

Lebensentwürfe # 2 (Das Café – Farben der Einsamkeit…)

Lebensentwürfe # 2

Das Café hat einen Bereich im Freien. Ein schmaler kleiner Streifen auf dem Gehsteig ist bestuhlt. Kleine Tische aus Holz stehen dazwischen. Ich setze mich, hole die Zeitung aus meiner Tasche, schlage das Feuilleton auf und beginne zu lesen. Ein Mann bleibt vor mir stehen, wirft einen Blick auf die aufgeschlagene Seite und fragt mich, wer das da auf dem Foto sei, er kenne den Mann, wisse aber gerade seinen Namen nicht mehr. Das ist Willy Rosen, sage ich. Ja, genau, sagt er. Wiederholt seinen Namen und erzählt mir, dass dieser Willy Rosen ein guter Komponist gewesen sei und dass er selbst auch ganz gut Klavier spielen könne, und dass er mir sehr gerne etwas vorspielen würde. Er würde hier gleich um die Ecke wohnen, dort vorne rechts. Er nennt mir seine Hausnummer und seinen Nachnamen. Ich könne jederzeit vorbeikommen, meint er, und bei ihm klingeln. Er würde mir jederzeit etwas vorspielen. Er würde das wirklich sehr gerne machen. Der Mann geht weiter, wartet erst gar keine Reaktion von mir ab. Ich vermute aber, dass er etwas von meinem Gesicht ablesen konnte, was mir selbst noch gar nicht bewusst war. Ich sehe dem Mann nach. Seinen Nachnamen habe ich bereits vergessen. Ich höre, dass er noch etwas sagt. Nichts davon ist zu verstehen. Ich schaue zurück auf meine Zeitung, blättere um und denke: Einsamkeit hat verschiedene Farbschattierungen. Einige kenne ich. Andere nicht. Die Farbe, die zu dem Mann gehört, kommt mir dunkler vor als meine.