Kultur # 17 (Obdacloser Brötchen…)

Kultur # 17

Ein Obdachloser betritt im Hauptbahnhof eine Bäckerei. Das Konzept der Bäckerei heißt: Selbstbedienung. Vor einer Wand stehen fünf Kaffeemaschinen. Links von den Maschinen sind Pappbecher aufgereiht. Bereit zur Benutzung. Per Knopfdruck wird entschieden, ob eine Kaffeevariante oder heißes Wasser für Tee oder eine heiße Schokolade in den Becher laufen soll. Im hinteren Bereich der Bäckerei befindet sich ein Kühlregal. Es ist in drei Fächer unterteilt und mehrere Meter lang. Zur Verfügung stehen süße und salzige Teilchen. Auch dort sollen sich die Kunden selbst bedienen. Der Obdachlose greift nach einem Schinkenbrötchen und verlässt den Laden. Ohne zu bezahlen. Ein Angestellter der Bäckerei bemerkt das, läuft dem Obdachlosen hinterher, erreicht ihn und tippt ihm von hinten auf die Schulter. Der Obdachlose dreht sich nach ihm um. Der Bäckereiangestellte lächelt den Obdachlosen freundlich an und bietet ihm etwas an: Ein Wachspapier. Es liegt ausgebreitet in der Hand des Bäckereiangestellten. Der Obdachlose ist überrascht. Zögert. Nach einem weiteren Blick auf das freundliche Gesicht des Bäckereiangestellten, legt er sein Schinkenbrötchen auf das Wachspapier. Der Bäckereiangestellte schließt seine Finger um das Brötchen und kehrt zurück zum Laden. Der Obdachlose ballt beide Hände zu Fäusten und flucht. Erschreckend laut. Der Angestellte der Bäckerei grinst. Erschreckend lange. In der Bäckerei angekommen öffnet er seine Hand. Das Brötchen plumpst in den Mülleimer.

Kultur # 14 (Melanie lädt ein…)

Kultur # 14

Melanie hat zum Abendessen eingeladen. Es gibt ein Fünf-Gänge-Menü mit Alternativen für Vegetarier und Veganer. Erster Gang: “Radicchio-Birnen-Walnusssalat” oder “Blanchierter Spinat mit Buratta” oder “Gebackene Weißwurst mit lauwarmen Pastinakenpüree”. Meine Speicheldrüsen bekommen einen Boost. Weiterlesen geht nicht. Frau Möller, eine Kunstsammlerin, beginnt ein Gespräch mit mir. Nach einer Minute weiß ich, dass es für Frau Möller keine Rolle spielt, ob ich auch mit ihr ein Gespräch führen will. Nach zwei Minuten bin ich mir sicher, dass ich mich mit Frau Möller auf keinen Fall weiter unterhalten möchte. Nach drei Minuten versuche ich durch Weghören dem Gespräch zu entfliehen. Aber Frau Möller trägt Magnete. Wo genau die sitzen weiß ich nicht, nur, dass sie bei mir wirken. Ich muss hören wie Frau Möller sagt: »Ich bin durch und durch frei. Ich tue immer nur das, was ich will.« Wut steigt in mir auf. Ich versuche sie zu bändigen. Nach acht Minuten erreiche ich mit meinen durch und durch lautlosen Gedanken meine Grenzen und möchte nach Hause. Nach neun Minuten entschuldige ich mich bei Frau Möller, rücke mit dem Stuhl vom Tisch ab und greife nach meinem über der Stuhllehne hängenden Blouson und atme auf. In einer Minute wird alles vorbei sein. Bis zur Wohnungstür sind es nur noch ein paar Meter und zu Hause kann ich dann gemütlich Gurke und gekochte Eier mit Mayonnaise essen. Melanie hält mich am Arm fest und sagt: »Was ist denn los?« Ich sage: »Frau Möller.« Melanie nickt, lässt ihren Blick über die Abendgesellschaft gleiten und sagt: »Schnell, setz dich auf Arnos Platz. Arno steht gerade auf dem Balkon und telefoniert. Ich bringe dir dann gleich einen neuen Teller aus der Küche.« Ich zucke mit den Schultern. Melanie sagt: »Wegen Arno brauchst du dir keine Sorgen machen. Arno sieht nicht nur evangelisch aus, er ist es auch.«