Alltag # 84 (Marie und ihr Mutter Traum..)

Alltag # 84

Marie kann es nicht fassen. Ihre Mutter ist tot und sie kann ihr noch immer nicht trauen. Das macht sie fertig. Seit zwei Jahren gibt es diesen Mutterkörper nun schon nicht mehr und dennoch funkt er noch in ihr Leben hinein. Zeigt ihr, wer hier die Hosen anhat und das ist ganz bestimmt nicht Marie. Marie möchte mit der Welt Frieden schließen und tageweise gelingt ihr das auch. Dann ist sie mit allem was kreucht und fleucht und sogar flucht versöhnt. Sobald aber ihre Mutter auftaucht, geht ihr das Gefühl flöten. Maries Mutter hat eine unglaublich starke Ausstrahlung. Mit ihr verhält es sich, wie mit der Radioaktivität und ihrer Halbwertszeit. Es dauert ewig und drei Tage bis diese Strahlen verfallen und keine gesundheitlichen Schäden mehr anrichten. Marie fände es wirklich schön, wenn ihr ein Physiker ausrechnen könnte, wie sich das mit dem Verfallen von menschlichen Ausstrahlungen verhält. Denn ohne so einen Physiker stellt Marie nur immer wieder fest, dass die Ausstrahlung ihrer Mutter noch da ist, in scheinbar gleicher Stärke. Marie hatte gestern wirklich einen schönen Tag. Sie war mit Sebastian Eis essen und hatte danach bei Frau Berger, ihrer Therapeutin, eine gute Stunde. Abends ging sie ganz zufrieden ins Bett. Aber im Stadium des Tiefschlafs, stieg ihre Mutter in ihren Traum hinein, ohne Leiter und ohne Erlaubnis. Marie hätte ihr auch beides nicht gegeben. Im Traum war sie bei Frau Berger, sass gemütlich im Sessel, wollte ihr gerade etwas mitteilen und dann war da auf einmal – out of the blue – auch ihre Mutter. Hatte sich der Mutterkörper einfach mitten in das Zimmer von Frau Berger gebeamt. Der Mutterkörper lächelte die Therapeutin an, nahm sie an der Hand und verließ zusammen mir ihr das Zimmer. Ein paar Minuten später tauchte ein Assistent auf, der auch irgendwie der Liebhaber der Therapeutin war. Marie wollte ihn um Hilfe bitten. Er entgegnete ihr aber, dass er hochsensibel sei, und dass man ihm deswegen nichts Schlimmes schildern dürfe. Schlimmes könne er nicht aushalten. Da müsse er immer weinen und könne damit dann nicht mehr aufhören. Aber falls sie jetzt sprechen müsse, dürfe sie ihm sagen, wie groß sie sei oder welche Lebensmittel sie gerne esse, solche Dinge eben. Die könne er dann auch aufschreiben, wenn sie das wolle. Marie wollte nicht. Gleich im Anschluß sagte er, er müsse sie bitten zu gehen, denn er würde die Praxis jetzt zusperren und außerdem bräuchte sie auch nicht mehr auf Frau Berger zu warten, denn die würde nicht mehr zurück kommen. Weder heute, noch morgen, noch in den nächsten Wochen oder Monaten. Marie blieb die Spucke weg. Der Mutterkörper hatte die Therapeutin dazu gebracht, sie zu verlassen und nun stand sie wieder alleine da. Nachdem sie aufwachte, kam ihr zumindest das irgendwie bekannt vor. Nun ist ihr den ganzen Tag über schon bang und morgen wird das wahrscheinlich auch noch so sein.

 

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Alltag # 85 (Sebastian Doppelbelegung..)

Alltag # 85

Sebastian hört den Türöffner, drückt gegen den Griff und betritt den Hausflur. Er freut sich auf die Stunde. Stichwortartig hat er sich schon aufgeschrieben, was er heute besprechen möchte. Er läuft an ein paar Fahrrädern vorbei und nähert sich der zweiten Tür, wo er gleich noch einmal klingeln wird. Aber die Tür geht schon ganz ohne sein Zutun auf. Seine Therapeutin steht im Türrahmen, lächelt ihn zur Begrüßung an und sagt: »Heute haben wir ein Problem, es gibt eine Doppelbelegung!« Sebastian weiß, dass er sich bei dem Termin nicht geirrt haben kann. Er ist in solchen Dingen korrekt und überprüft immer lieber zweimal, ob er den Termin richtig eingetragen hat, denn sonst müsste er die Stunde trotzdem bezahlen. Er geht ins Vorzimmer und sieht die Doppelbelegung. Sie stellt gerade ihre Tasche neben der Tür ab, die in das Zimmer führt, in dem die Gespräche und Übungen stattfinden. Sie muss also auch eben erst gekommen sein, denkt er. Die Doppelbelegung ist in Sebastians Alter. Sie ist männlich gekleidet, ihre Gesichtszüge sind verhärmt und ihre Haut fahl. Sie geht bestimmt nicht gerne raus. Außerdem sieht sie so aus, als wäre sie bereits seit vielen Jahren auf eine Therapie angewiesen. Die Klienten, denen er sonst hier begegnet, haben meistens eine offene Art und geben ihm sogar mit einem Lächeln zu verstehen, dass sie nun Verbündete seien, da sie nun voneinander wissen, dass sie eine Therapie machen. Aber die Frau, die sich jetzt gegen das Sideboard lehnt, wirkt verschlossen und abweisend. Sebastian fühlt sich unwohl. Er mag es so gar nicht, wenn er in ein Spannungsfeld hinein manövriert wird, das nicht wirklich etwas mit ihm zu tun hat. Seine Therapeutin sagt: »Ich hole mal meinen Kalender!« und geht zum Schreibtisch. Sebastian wirft einen Blick auf die Haare der Frau. Sie sind zerzaust und wirken borstig, fast schon stachelig grob. Es sieht so aus, als würde die Frau sie gerne so tragen, damit jeder verstehen kann, wie es in ihrem Kopf zugeht. Die Therapeutin kommt zurück, blättert in ihrem Kalender, lässt ihn aufgeschlagen in der Hand liegen und sagt: »Tut mir wirklich leid, aber ihr Termin ist erst nächste Woche!« Die Frau stöhnt und sagt: »Ich habe mir das aber anders notiert!«. Die Therapeutin antwortet, sie wisse wirklich nicht, wie es zu diesem Missverständnis kommen konnte. Irgendwie sei da gerade der Wurm drin. Letzte Woche habe sie im Kalender gestanden und sei nicht erschienen und diese Woche stehe sie nicht im Kalender und tauche trotzdem auf! Sebastian liebt schnelle Lösungen und wenn er jetzt die Stunde einfach der Frau überließe, wäre das Problem ruckzuck gelöst. Aus die Maus. Er könnte gehen und mit seinem Geld etwas anderes machen. Wild Kuchen essen und eine Flasche Crémant ausgeben. Sebastian denkt, ich werde jetzt einfach ein Gentleman sein, der die Situation rettet. Er mag es, wenn Menschen höflich und zuvorkommend sind. Bevor er jedoch etwas sagen kann, spricht seine Therapeutin schon wieder: »Nachdem Sie letzte Woche nicht erschienen sind, habe ich Sie doch angerufen und Ihnen mitgeteilt, dass ihr nächster Termin erst wieder in zwei Wochen ist! Kommt Ihnen das nicht doch irgendwie bekannt vor?« Die Frau schüttelt den Kopf. Die Haare bleiben dabei ohne Schwung. Sebastian erträgt es nicht, dass die Frau offenbar schon zum zweiten Mal einen Fehler gemacht hat, an den sie sich nicht erinnert. Außerdem müsste sie jetzt nochmal eine Woche warten um ihren Kummer los zu werden. Den Kummer, der ihr so ins Gesicht geschrieben steht. Die Frau sieht zu Sebastian hinüber. Zum ersten Mal. Direkt in seine Augen. Ihre Blicke sind wie die von jungen Kätzchen, die mit ihren kleinen Zungen Hände lecken möchten. Sebastians Mitgefühl schnellt in die Höhe. Dabei hat er doch schon längst beschlossen, dass es für ihn kein Problem ist, auf seine Stunde zu verzichten. Sebastian überlegt, wie er sich jetzt am besten einmischt. Soll er den Finger heben oder sich räuspern? In seinem Kopf taucht plötzlich ein Bild auf. Es ist ein Foto von ihm. Eine Nahaufnahme von seinem Gesicht. Es wurde mal für einen Familienkalender gemacht, der dann seiner Mutter geschenkt wurde. Darauf lächelt er gutmütig. Darunter hatte einer seiner Neffen mit einem schwarzen Edding einen Daumen hingekritzelt, der nach unten zeigt. Ist er zu nett? Nun wird ihm mulmig und ganz anders zumute. Geht es jetzt nicht vielleicht darum, auszuhalten, dass er gerade an erster Stelle steht und das anzunehmen was ihm zusteht. Sebastian schnauft. Er packt seinen Mut am Kragen, zieht seine Schuhe aus und anschließend ganz langsam seine Jacke. Er hängt sie an den Garderobenständer und kehrt dabei der Frau bewusst den Rücken zu.

 

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Alltag # 81 (Ersatzbushaltestelle..)

Alltag # 81

Alle verlassen die S-Bahn. Auch Marie. Es ist Schienenersatzverkehr. Einmal mehr kann Marie nicht ohne Unterbrechung zu ihrer Verabredung fahren und wird deshalb (wieder einmal) nicht pünktlich sein. Marie läuft auf das Klappschild zu, das in der Nähe des Ausgangs steht und betrachtet die Zeichnung, die eine Umgebungskarte darstellen soll. Die Ersatzhaltestelle wurde mit einem roten Kreuz markiert. Marie blickt nicht durch, entdeckt aber auf den Boden geklebte Fußsohlen aus Plastikfolie. Marie schätzt Schuhgröße achtundvierzig. Sie folgt den ausgelegten Spuren und verläuft sich trotzdem. Sie bittet einen Mitmenschen um Hilfe. Die Frau mit einem nicht nachahmungswürdigen Kleidungsstil entpuppt sich als erstaunlich zugewandt und darüber hinaus auch noch gut informiert. Woher nimmt diese Frau bloß diese Herzlichkeit, fragt sich Marie. In dieser Stadt ist die doch schon längst ausgestorben. Zieht sie sich selbst immer wieder neue Freundlichkeitspflänzchen hoch. Marie versteht auf Anhieb, was die Frau ihr erklärt. Aber sie möchte sich gerne noch etwas länger in der Nähe dieser Frau aufhalten. Diese Frau stimmt sie plötzlich so zufrieden mit sich und der Welt. So sehr, dass sie den Drang verspürt, der Frau auf der Stelle etwas schenken zu wollen. Geld ist nicht angebracht. Bonbons wohl auch nicht. Marie möchte nicht, dass die Frau sich wie ein Tier im Zoo vorkommt, dem man auf dem flachen Handteller ein paar Erdnüsse hinhält, oder ein Büschel Heu. Marie hat aber sowieso nichts Süßes in ihrer Tasche. Sie hat nur einen gebrauchten Lippenstift und eine angebrochene Packung Taschentücher und natürlich ihren Wohnungsschlüssel. Soll sie der Frau etwa ihren Schlüssel vor die Nase halten und dann sagen: mein Haus ist auch dein Haus. Die Frau lächelt Marie zu und verabschiedet sich von ihr. Marie bedauert das sehr. Deshalb bedankt sie sich noch einmal bei ihr. Inzwischen ist das schon das dritte Mal. Marie weiß nicht, wie sie sonst den Verabschiedungsprozess noch hinauszögern könnte. Die Frau lächelt ihr noch einmal zu und Marie begreift zu langsam, dass auch Spontanität einer gewissen Vorbereitungszeit bedarf. Zumindest bei ihr. Denn eine Einladung zu einer Tasse Kaffee kommt jetzt zu spät. Die Frau ist schon außer Rufweite. Maries Arme hängen schlapp herab. Dass sie die Frau nun einfach so gehen hat lassen, ohne ihr etwas anzubieten, verstimmt sie. Mit einem gewissen Unmut dreht Marie sich in die Richtung, die die Frau ihr vorgeschlagen hat. Sie hat Marie alles so einfach und präzise erklärt, dass sie nun zwar die provisorisch eingerichtete Haltestelle auf Anhieb findet aber die Weltzufriedenheit von vorhin, kann eine gefundene Haltestelle bei ihr nicht auslösen.

 

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Alltag # 76 (Marie und der Schlaf…)

Alltag # 76

Marie schläft gerne. Auch gerne lange. Für Marie ist der Schlaf die einzige Zeit, in der sie sich entspannt vorkommt. Aber neuerdings lässt sich dieser komaähnliche Zustand nicht mehr so leicht herbeiführen. Als Kind lief das mit dem Hinübergleiten noch einwandfrei ab. Auch noch als Jugendliche. Marie brauchte sich nur irgendwo hinzulegen und weg war sie. Aber seit einigen Monaten hakt da etwas. Dass es mit ihrer Lieblingsbeschäftigung so steil bergab geht, passt ihr nicht. Sie seufzt deswegen öfter, vor allem abends, wenn sie wohlig warm im Bett liegt, müde ist vom Essen und erschöpft vom Tag. Sie sehnt sich Bewusstlosigkeit herbei aber es fallen nur Gedanken ein. Belästigen sie. Auch unbewältigte Situationen stehen vor ihr Schlange. Das erschöpft Marie und sie wälzt sich im Bett. In einem Kingsize Bett. Sie hat es sich nicht wegen eines neuen Liebhabers zugelegt, sondern, um dem Gott des Schlafes Ehre zu erweisen. Marie kann die Dinge, die ihr im Kopf herumgeistern, nicht stoppen, das beunruhigt sie. Deswegen versucht sie neuerdings das Einschlafen herbei zu zwingen, indem sie Hilfsmittel und Tricks anwendet. Sie fokussiert sich auf ihre Atmung, hört sich selbst beim Ein- und Ausatmen zu und versucht dabei nicht abzuschweifen. Oder hört der Sprecherin ihres Lieblingspodcasts zu. Fällt der Schlaf dann immer noch nicht über sie her, steht sie wieder auf und reibt sich die Fußsohlen mit ätherischen Ölen ein. Oder sie geht in die Küche, hängt mehrere Beutel Guten-Abend-Tee in die Tasse und gießt sie mit kochendem Wasser auf oder stürzt noch schnell ein Bier hinunter. Manchmal bedauert sie schon, dass das Einschlafen nicht so etwas wie Weihnachten ist, das man nur einmal im Jahr zu bewerkstelligen hat. Oder, dass sie es nicht einfach abschaffen kann, so wie sie das Feiern ihres Geburtstages erfolgreich abgeschafft hat. Aber im Grunde genommen ist sie doch froh darüber, dass das Einschlafen keiner Mode unterworfen ist, und einfach so aufgegeben werden kann. Denn sie möchte, dass das Aufsuchen ihres Fluchtorts, der Zustand des Wegdriftens weiter Bestand hat, weiter Teil ihrer täglichen To-Do-List bleibt, egal wie mühsam es ist.

 

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Alltag # 77 (Sebastian Decke Therapeutin..)

Alltag # 77

Die Therapeutin bittet Sebastian, den Platz zu wechseln. Er soll sich auf die Couch legen. Sie will zum Abschluss noch eine Körperübung mit ihm machen. Sobald er ausgestreckt daliegt, wird sie ihm ein Kissen unter den Kopf schieben. Das kennt er schon von anderen Übungen. Jedesmal hofft er, das Kissen möge nicht weiß sein. Aber auch heute ist es wieder weiß. Er mag die Farbe nicht. Oder fast nicht. Er mag sie zum Beispiel nicht bei Autos, bei Hosen, bei Esszimmertischen, bei Fliesen für das Bad, aber bei Hasen und bei Frischkäse. Er befürchtet, Spuren auf dem Stoff zu hinterlassen. Sobald er aufsteht, werden sie zu sehen sein: gräuliche Flecken, irgendein Schmutz aus seinen Haaren. Seine Haare sind bestimmt nicht sauber genug für so ein weißes Kissen, auch dann nicht, wenn er sie gestern erst gewaschen hat. Bei gelben, roten oder grünen Kissen würde er solche Befürchtungen nicht haben. Diese Farben sind für ihn schmutzkompatibel. Weiß nicht. Er kann nicht verstehen, was seine Therapeutin an dieser Farbe so prickelnd findet. Die Körperübung soll ihn jetzt lockerer machen, aber das Kissen verdirbt ihm alles. Er ist nicht richtig bei der Sache. Nun steht seine Therapeutin auch schon wieder auf, die Stunde ist zu Ende. Sebastian nennt das immer „die Stunde“, obwohl es nie eine volle Stunde ist, sondern nur fünfundvierzig Minuten. Seine Therapeutin geht zu den Decken an der gegenüberliegenden Wand. Es gibt einen ganzen Stapel davon, akkurat gefaltet und übereinander gelegt. Nicht schlampig, so wie er das machen würde. Seine Therapeutin greift nach der oberen, steht wieder vor ihm, lässt die Decke auseinander fallen und breitet sie über seinem Körper aus. Kontrolliert, ob auch seine Hände und Füße gut zugedeckt sind, ist mit ihrem Werk zufrieden, verlässt den Raum und lässt ihn unbeobachtet und allein zurück. In circa fünf Minuten wird sie wiederkommen, soviel weiß er. So läuft das immer ab. Hat sie mit ihm eine Körperübung gemacht, soll er sich danach noch ein wenig ausruhen. Unmut meldet sich bei Sebastian. Er kennt das schon, wird aber deswegen keine Sperenzchen machen. Er wird seine Augenbrauen locker lassen, wird nicht versuchen mit Falten Gram auszudrücken. Auch seine Beine wird er still unter der Decke liegen lassen, unter der blöden Billo-Decke aus Billo-Plastik-Fleece. Sie klebt schon wieder an seiner Kleidung, hält sich da fest, hat sich an ihm statisch aufgeladen. Er findet das ekelhaft. Kurz denkt er nun doch daran, seine Fersen als Waffe einzusetzen. Mit ihnen die Decke abzustrampeln. Einfach mit den Fersen ein paar Sekunden lang auf die Polsterung einzudreschen. Niemand würde das sehen. In dem Raum gibt es keine Überwachungskamera, die später etwas beweisen könnte. Aber im Moment fühlen sich seine Beine nur prall an, wie gefüllte Mehlsäcke. Zu nichts zu gebrauchen. Auch sein Gesicht fühlt sich ein wenig taub an. Vielleicht sieht er jetzt sogar überfreundlich aus. Aber er mag es nicht, wenn er wie ein gut erzogener Hund aussieht, der brav mit dem Schwanz wedelt, weil man ihm ein Leckerli vor die Füße geworfen hat. Bestimmt wollte seine Therapeutin ihm mit der Decke etwas Gutes tun, er sollte es gemütlich haben. Also wird er sich nicht bei ihr beschweren, wird sie nicht mit lauten Schallwellen aus seinem trockenen Hals belästigen oder sie sogar damit erschrecken. Die Decke liegt nicht auf ihm, sie lastet auf ihm. Er fühlt sich wie unter einem weißen Leichentuch, als wäre er schon begraben. Sebastian will seine Arme unter der Decke hervor ziehen, es gelingt ihm aber nicht, sie zu befreien. Dafür bräuchte er schon eine Erlaubnis. Die Erlaubnis müsste von seiner Therapeutin kommen. Sein Unwohlsein hat keinen Eigengeruch, denkt er. Sein Unwohlsein macht auch kein Geräusch, er hört zumindest nichts. Ihm fallen nur wieder die Worte seiner Therapeutin ein: »Ich decke Sie mit meiner schönsten Decke zu.« Ihre Stimme klang fröhlich und fürsorglich. Ihre Fürsorglichkeit presst mich auf die Liege und unter die Decke, denkt er. Jetzt hört er Schritte. Die Tür öffnet sich, die Therapeutin kommt herein und bleibt vor dem Sofa stehen. Er weiß, dass sie ihn jetzt gleich von der Last der Decke befreien wird. So läuft das jedesmal ab. Jetzt lächelt sie ihn an und nimmt ihm die Decke ab, aber nicht mehr. Der Rest bleibt. Er ist noch immer mucksmäuschenstill. Das Stillsein wird er mit nach Hause schleppen. Das mit der Decke irgendwie auch. Das kennt er schon.

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Alltag # 72 (Teeschütten..)

Alltag # 72

Marie zieht den Wasserkocher von der Basisstation und gießt kochend heißes Wasser in die Teetasse, in der bereits ein Beutel Kräutertee hängt. Marie liebt es, wenn sie dabei zusehen kann, wie Flüssigkeit ein Gefäß verlässt, um in einem anderen anzukommen. Würde noch mehr Tee in ihren Körper passen, würde sie noch viel öfter Tee trinken, so fasziniert ist sie vom Wechsel der Aufenthaltsorte, vom Umzug, den sie erzwingen kann. Sie wird nie müde, dabei zuzusehen. Teeschütterin wäre ein idealer Beruf für sie. Würde das in Berlin irgendwo ankommen, würde sie sich damit selbstständig machen. Gerne würde sie diesem Bedürfnis mehr Platz einräumen. In ihrem Alltag ist das mit dem Schütten jedesmal so schnell vorbei. So wie jetzt auch. Die Tasse ist schon voll, bis zum Rand. Mehr geht nicht. Marie stellt den Wasserkocher zurück auf die Basisstation und trägt die Tasse zum Tisch. Wasser ist so unglaublich anpassungsfähig, denkt sie. Bis in den letzen Winkel hat es sich in die Tasse geschmiegt, hat keine Stelle ausgelassen, hat sich nicht gesperrt oder herum gezickt, hat einfach den Hohlraum ausgefüllt und den Platz eingenommen, der von mir zur Verfügung gestellt wird. Aber Marie ist nicht nur von der Flexibilität und der Wendigkeit des Wassers angetan, sondern auch von dem Gefäß, das da vor ihr auf dem Tisch steht. Eine mit roten Punkten betupfte Teetasse. Sie ist dankbar, dass jemand irgendwann so einen Gegenstand erfunden hat. Das muss man erst einmal hinbekommen. Denn jedes Gefäß hat von Geburt an diese Offenheit. Gefäße nehmen alles auf, was ihnen angeboten oder zugemutet wird. Heißes, Kaltes, Süßes, Klebriges, Alkoholisches oder was es sonst noch so an Flüssigkeiten gibt. Gefäße halten geduldig Inhalte an Ort und Stelle fest, damit auch ja nichts davon verloren geht. Aber noch interessanter findet Marie die Tatsache, dass Gefäße nicht zusammen brechen, wenn ihnen der Inhalt dann wieder geraubt wird. Gefäße akzeptieren das leere Dasein genauso wie das gefüllte. Und auch ihr Trinkgefäß muss die Flüssigkeit wieder hergeben. Ihr geben. Wie schön das doch ist, dass die Teetasse so gut loslassen kann und nichts für sich behalten will. Und all das geschieht so ganz ohne Geschrei. Marie empfindet das so angenehm, dass ihr keine Teetasse droht. Keine von ihnen hat je gebrüllt: Die Flüssigkeit gehört zu mir! Ohne sie bin ich nichts! Oder: Ich will den Kräutertee nicht hergeben und schon gar nicht dir, du Stück Mensch! Die Teetasse sucht sich nicht aus, wem sie etwas gibt. Sie gibt einfach. So einem Prozess beiwohnen zu können, ergreift Marie jedesmal aufs Neue.

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Alltag # 73 (Keine Sorgen um das Ende machen…)

Alltag # 73

Eigentlich braucht man sich nie Sorgen um das Ende zu machen, denn es ist selbstständig genug um von alleine zu kommen. Anders als man selbst.

Alltag # 75 (Marie Traum mit Zähnen)

Alltag # 75

Nach dem Aufwachen hat Marie meistens noch eine Ahnung von dem, was sie in der Nacht geträumt hat. Aber sobald sie die Augen aufschlägt verflüchtigen sich diese Erinnerungen wieder. Nur wenige Träume halten bis zum Frühstück durch und noch weniger schreiben sich in ihr Gedächtnis ein. Der Traum von gestern Nacht war aber so einer. Es war schon Nachmittag und Marie war es immer noch nicht gelungen, diesen Traum aus ihrem Kopf zu werfen. Er klebte an ihr wie Kaugummi in langen Haaren. Ihr Tagesablauf wurde davon beeinträchtigt. Alles ging ihr schwerer von der Hand. Am Anfang war im Traum noch alles friedlich. Marie lief einen Feldweg entlang. Links und rechts vom Weg waren Gräben, in denen Wasser lief und manchmal hörte sie darin auch etwas plätschern. Hinter den Gräben lagen bewachsene Felder. Es duftete nach Gras und Erde. Marie war alleine unterwegs, aber das störte sie nicht. Sie wusste, wohin sie wollte. Aber dann sah sie eine Frau aus der Gegenrichtung auf sie zukommen. Sie spürte, dass mit dieser Frau etwas nicht stimmte. Im Traum konnte sie mit ihren Augen zoomen wie mit einer Kameralinse. Sie fokussierte das Gesicht der Frau. Der Anblick machte ihr keine Freude. An manchen Stellen war die Haut rosig, so wie die Haut bei kleinen Kindern, leicht durchsichtig und makellos, aber an anderen Stellen gab es runde braune Flecken, die leicht feucht waren. Sie sahen aus wie faule Stellen an einem Apfel. Und dann wollte Marie schreien, denn aus dem Gesicht der Frau wuchsen Zähne. Sie ließen sich per Knopfdruck herausfahren. Marie graute, denn jemand hatte diesen Knopf gedrückt. Sie kamen aus diesen braunen Stellen. Neben den Nasenflügeln waren bereits vier zu sehen. Neben den Augen drei, unterhalb der Lippe zwei und auf der Stirn fünf. Alle Zähne waren beweglich, hatten ein Eigenleben und waren aktiv. Sie bogen sich zur Seite und drehten sich in sich selbst, so wie das Sägeblatt einer Kreissäge. Marie wollte immer noch schreien, aber stattdessen erstarrte sie. Die Frau hatte den Auftrag, sie zu töten. Und ihr sei das erlaubt, weil sie Marie geboren hatte. Nach der Tötung dürfe sie Marie auffressen und sich eine zeitlang von ihr ernähren, auch wenn Marie gar nicht ihrem Geschmack entspricht. Marie öffnet die Kühlschranktür, und fragt sich, warum sie es all die Zeit versäumt hat, sich selbst etwas Wehrhaftes wachsen zu lassen.

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