Lebensentwürfe # 2 (Das Café – Farben der Einsamkeit…)

Lebensentwürfe # 2

Das Café hat einen Bereich im Freien. Ein schmaler kleiner Streifen auf dem Gehsteig ist bestuhlt. Kleine Tische aus Holz stehen dazwischen. Ich setze mich, hole die Zeitung aus meiner Tasche, schlage das Feuilleton auf und beginne zu lesen. Ein Mann bleibt vor mir stehen, wirft einen Blick auf die aufgeschlagene Seite und fragt mich, wer das da auf dem Foto sei, er kenne den Mann, wisse aber gerade seinen Namen nicht mehr. Das ist Willy Rosen, sage ich. Ja, genau, sagt er. Wiederholt seinen Namen und erzählt mir, dass dieser Willy Rosen ein guter Komponist gewesen sei und dass er selbst auch ganz gut Klavier spielen könne, und dass er mir sehr gerne etwas vorspielen würde. Er würde hier gleich um die Ecke wohnen, dort vorne rechts. Er nennt mir seine Hausnummer und seinen Nachnamen. Ich könne jederzeit vorbeikommen, meint er, und bei ihm klingeln. Er würde mir jederzeit etwas vorspielen. Er würde das wirklich sehr gerne machen. Der Mann geht weiter, wartet erst gar keine Reaktion von mir ab. Ich vermute aber, dass er etwas von meinem Gesicht ablesen konnte, was mir selbst noch gar nicht bewusst war. Ich sehe dem Mann nach. Seinen Nachnamen habe ich bereits vergessen. Ich höre, dass er noch etwas sagt. Nichts davon ist zu verstehen. Ich schaue zurück auf meine Zeitung, blättere um und denke: Einsamkeit hat verschiedene Farbschattierungen. Einige kenne ich. Andere nicht. Die Farbe, die zu dem Mann gehört, kommt mir dunkler vor als meine.