Alltag # 66 (Marie staubsaugt…)

Alltag # 66

Marie tritt mit dem Fuß auf den Einschaltknopf des Staubsaugers, hält das lange schwarze Rohr mit beiden Händen fest und führt es an der unteren Kante der Fußbodenleiste entlang. Die Staubknäuel, die es dort hingeweht hat, werden sofort verschluckt. Ruckzuck sind sie auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Marie findet das erstaunlich, dass sie überhaupt keinen Widerstand haben. Sie können keinen haben, denkt Marie, denn sie sind mit keinem ausgestattet worden. All diese Staubknäuel, die sich am liebsten an Plätzen ansammeln, wo sie vom Durchzug geschützt sind, müssen sich von mir aufsaugen lassen. Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als das zulassen, ob sie wollen oder nicht. Denn keines der Staubknäuel besitzt einen Giftstachel, der mich oder die Elektrik des Staubsaugermotors außer Gefecht setzen könnte, auch besitzen sie keine Saugnäpfe, mit denen sie sich am Boden festhalten können. Jedes Knäuel wird ohne Abwehrmechanismus geboren. Marie dreht sich und führt das schwarze Rohr auf der anderen Seite des Flurs an der unteren Kante der Fussbodenleiste entlang. Wäre jedes Staubknäuel mit Saugnäpfen ausgestattet worden, denkt sie sich, dann hätte man etwas anderes erfinden müssen, um sie loszuwerden. Ein Staubsauger hätte dann nicht mehr ausgereicht. Vielleicht wäre von jemanden ein Staubmesser erfunden worden, damit man sich von dem Gewölk befreien könnte oder ein größeres elektrisches Gerät, dass einem das Bücken ersparen würde, so etwas wie ein Staubmäher. Ein Gerät mit scharfen Klingen. Vielleicht hätte ich das mit dem Staubmähen aber auch sein lassen, weil ich keine Lust gehabt hätte, nach dem Mähen auch noch das graue Staubblut zusammenzuwischen. Vielleicht hätte ich die Staubknäuel lieber bei mir liegen lassen. Wachsen lassen. Oder ich hätte damit angefangen Staubknäuel zu züchten, weil von irgendeinem Schlaumeier das Staubblut zu einem Superfood deklariert worden wäre. Und es in Mode gekommen wäre, es ampullenweise zu trinken. Und vielleicht wäre genau das mein Lieblingsjob geworden, in meiner Wohnung Staubknäuel zu züchten, um das aufgewischte Blut höchstbietend verkaufen zu können. Wer weiß.

 

 

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