Kultur # 36 (Sebastain steht am Tresen an )

 

Kultur # 36

Es ist Sonntag. Sebastian steht in einem Café vor dem Tresen und wartet darauf, seine Bestellung aufzugeben. Er findet es nervig, so lange warten zu müssen. Früher, denkt Sebastian, waren die Dienstleistungen noch Dienstleistungen, und das war äußerst zufriedenstellend. Mein Vater brauchte noch nicht einmal das Auto zu verlassen, um es vollgetankt zu bekommen, aber heutzutage muss man immer mehr selbst machen, um etwas zu bekommen. Und genau das findet Sebastian am schlimmsten. So wie neulich, als er in einem Flughafenrestaurant in Norwegen zuerst fünf Minuten anstand und dann, nachdem er schon bezahlt hatte, aufgefordert wurde, sich sein Mittagessen selbst in der Mikrowelle aufzuwärmen. Mit dieser Mode, denkt Sebastian, muss man sich bald auch noch sein Grab selbst zuschaufeln. Hinter dem Tresen ist eine schwarze Tafel angebracht. Mit weißer Kreide wurden die Getränke handschriftlich aufgelistet. Sebastian weiß aber schon, was er trinken wird. Er wusste es schon, bevor er das Café betreten hatte: einen Americano mit einem einfachen Espresso, denn zum Frühstück hatte er bereits einen doppelten und er will seinen Herzschlag nicht noch mehr in die Höhe treiben. Sebastian starrt die Tresenkraft an. Es ist undenkbar, dass die junge Frau seinen Blick nicht spürt, so wie seine Augen gerade glühen. Sie aber zieht Gabeln aus einem Besteckkasten, Servietten aus einer Box und verteilt Kuchenteller auf einer Arbeitsfläche. Die vier Frauen in der Schlange vor ihm, haben schon bestellt und dürfen sich bereits setzen. Genau das würde Sebastian auch so gerne tun. An seinem zweiten freien Tag in einem bequemen Sessel sitzen und die Zeitung lesen. Dann wäre es ihm auch egal, wann der Kaffee fertig ist. Aus Erfahrung weiß er, dass ein Dazwischenpatzen ihn auch nicht schneller ans Ziel bringen wird. Also verkneift er sich ein lautes: Hallo, sehen Sie mich, ich existiere! Die Schlange hinter Sebastian hat sich bis zur Eingangstür verlängert. Die Tresenkraft holt Scones und einen veganen Kuchen aus einer Glasvitrine. Sebastian zieht sein Portemonnaie aus der Tasche und legt einen Fünfeuroschein auf den Zahlteller. Auch das bringt sie nicht aus der Ruhe. Sie schüttet Hafermilch in ein kleines Milchaufschäumgefäß und dreht an dem Knauf für den Wasserdampf. Sie legt kleine Löffel auf Untertellern aus und Sebastian hat Zeit die platzenden Blasen vom Milchschaum zu zählen. Sie legt auf jeden Unterteller einen Cantuccini und Sebastian sagt in einem gereizten Tonfall: »Multitasking zählt wohl nicht zu ihren Stärken!« Sebastian bemerkt, wie sich an den unteren Lidern der Tresenkraft Wasser ansammelt. Er beißt sich auf die Lippe und atmet tief durch. Nun nimmt die junge Frau seine Bestellung entgegen. Als sie Sebastian den Americano samt Unterteller, Löffel und Cantuccini auf den Tresen stellt, vermeidet sie seinen Blick. Sebastian greift nach der Tasse, lässt sich das Wechselgeld nicht zurückgeben und trägt seinen Americano zu einem freien Tisch. Sein Plan, im Sessel zu sitzen und Zeitung zu lesen, löst in ihm keine Freunde mehr aus.

 

Wünsche # 30 (Marie fährt zu Hannah aufs Land..)

Wünsche # 30

Marie fährt aufs Land zu Hannah. Hannah wohnt neuerdings da und wollte unbedingt, dass Marie sie für ein paar Tage besuchen kommt. Seit zwei Stunden sitzt sie schon im Zug. Der Kaffeebecher ist leer. Das Schokocroissant aufgegessen. Die leere braune Papiertüte liegt vor ihr auf dem Tisch. Gleich am Anfang hat sie eine Nachricht an Sebastian geschickt und danach hat sie das Telefon ausgeschaltet, um die Aussicht ungestört genießen zu können. Auch hat sie ihren Laptop zuhause gelassen. Nur keine Arbeit mitnehmen. Sich keinen Druck machen. Mit gutem Gewissen Zeit haben für das Nichtstun. Marie will einfach mal in den Himmel starren. Pflanzen beschnuppern, Erde riechen, Bäume anfassen und mit der Hand über Büsche streichen. Auch will sie Ameisen bestaunen und Wildschweine beobachten. Marie hofft, dass sie im Wald welche zu sehen bekommt. Sie weiß nicht, ob es dafür eine Saison gibt, ob Wildschweine nur in bestimmten Jahreszeiten ausschwärmen, so herumstrolchen, dass man sie sehen kann. Ich werde mit allem zufrieden sein, denkt Marie, ich will mir einfach nur ansehen, was sich in der Natur so tut, sich dort mit spielerischer Leichtigkeit durchsetzt. Das werden tolle Tage werden, denkt Marie. Meine Augen werden sich entspannen, mein Schultergürtel und auch mein Unterkiefer. Denn mit Hanna gibt es mehr zu lachen als mit mir alleine vor dem Fernseher. Marie sieht auf den kleinen Monitor, der am Ende des Zugabteils hängt. Die nächste Haltestelle ist bereits ihre. Marie greift nach der Reisetasche mit dem Kulturbeutel, der Wechselkleidung und den Geschenken für Hannah. Ein Roller mit ätherischen Ölen für das Handgelenk, eine Flasche Limoncello und ein großes Stück Parmesan, das sie sich selbst nie leisten würde. Der Zug hält. Marie steigt aus. Hannah ist noch nirgends zu sehen. Marie setzt sie sich auf eine Bank vor dem Hauptgebäude des Bahnhofs. Sie riecht die Landluft, spürt das langsamere Tempo, sieht die Bäckerei, die neben dem Bahnhof liegt und zu der gleichen Kette gehört, in der sie ihr Croissant gekauft hat. Im Terrassenbereich stehen braune Tische und braune Stühle. Alles aus Plastik. Die Terrasse ist mit einem dunkelbraunen Jägerzaun begrenzt. Ebenfalls aus Plastik. Ebenfalls Massenware. Im Hintergrund eine Neubausiedlung. Die Gartenzäune sind ebenfalls braun. Ein Haus gleicht dem anderen. Vor jedem Haus parken Autos. Menschen sind nicht zu sehen. Auch keine Bäume. Maries Hoffnung auf Wildschweine schwindet. Sie greift in die Jackentasche und schaltet ihr Telefon wieder ein.

 

Alltag # 51 ( Marie knirscht mit den Zähnen..)

Alltag # 51

Marie knirscht nachts mit den Zähnen. Der Zahnarzt hat ihr eine Schiene verschrieben. Dass ihr Kiefer durch eine Vorrichtung in eine Form gepresst werden soll, findet Marie unerträglich. Marie hat die transparente Schiene in eine Schachtel gelegt und lässt sie dort liegen, im Dunkeln ohne Aussicht auf Tageslicht. Marie knirscht nun weiter mit den Zähnen. So können die Zähne an etwas arbeiten. Dinge von einer ihr unbekannten Liste abarbeiten. Marie ist das lieber, als der totale Stillstand, den ihre Zähne in der Schiene erleben würden.